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Von Nico Klinger

Der Draht zur Basis

Unsichtbare Helfer: Bezirks- und Kreisvorsitzende

von Nico Klinger | Wenn am Sonntag der Anpfiff ertönt, wirkt alles ganz selbstverständlich: Der Spielplan passt, der Schiedsrichter und die Mannschaften stehen auf dem Platz, die Vereine haben ihre Ordner eingeteilt. Erst wenn irgendwo Sand ins Getriebe kommt – ein ungeklärter Ablauf, Ärger nach einer Entscheidung oder wenn ein Verein dringend eine Auskunft braucht –, wird sichtbar, wie viel Organisation hinter 90 Minuten Fußballspiel steckt. An ganz verschiedenen Stellen beginnt hier die Arbeit von Bezirks- bzw. Kreisvorsitzenden: Sie sind Kümmerer, Moderatoren, manchmal auch Puffer – und fast immer die Ersten, die angerufen werden, wenn es kompliziert wird. Im gemeinsamen Gespräch geben Peter Becker (SBFV), Bernd Bastian (bfv) und Marcus Kiekbusch (wfv) Einblicke in ein Ehrenamt, das zwar an der Spitze steht, dabei aber selten Beachtung findet – und trotzdem Woche für Woche dafür sorgt, dass der Ball rollt und der Laden läuft.


Ansprechpartner, Moderator, Kümmerer 

«Es vergeht kein Tag, wo man nicht irgendeinen Verein am Telefon hat», sagt Bernd Bastian. Seine Stimme klingt dabei nicht genervt, eher so, als wäre es die normalste Sache der Welt. Vieles hängt damit zusammen, dass er in Karlsruhe jahrelang stellvertretender Kreisvorsitzender für den Spielbetrieb war. Das wirkt nach: «Die Vereine haben meine Telefonnummer», sagt er. Fragen zum Regelwerk, zur Satzung, zum Spielbetrieb – «alles Mögliche». Eigentlich gibt es dafür Zuständige, aber wenn Vereine über Jahre verlässlich eine gute Auskunft bekommen haben, melden sie sich eben wieder unter der Nummer, die sie kennen.

Peter Becker beschreibt die Rolle ähnlich, aber mit einem persönlichen Dreh: Er will nicht nur «funktionieren», sondern präsent sein – vor Ort, in den Vereinen. Das Ziel, das der Vorsitzende des SBFV-Bezirks Schwarzwald bei seinem Amtsantritt im Juli 2025 verkündete: alle 69 Clubs im Bezirk besuchen. «Bei 52 bin ich schon», sagt Becker, ein bisschen stolz. 17 stehen im Frühjahr noch an, der Terminplan ist fertig. Man merkt: Der Funktionär meint es ernst. Für ihn sind die Besuche keine PR-Aktion, sondern eine Art positive Pflicht gepaart mit Neugier. «Für mich ist jede Begegnung mit jedem Verein ein Highlight», erklärt der 57-Jährige. Man treffe hier eben Menschen, denen Fußball viel bedeutet und die ihre Sichtweisen auf die gemeinsamen Themen teilen möchten – auch wenn es dabei manchmal um Herausforderungen der täglichen ehrenamtlichen Arbeit gehe. 

Marcus Kiekbusch beschreibt seine Rolle in Strukturen und Teams. «Man ist verantwortlich für den gesamten Bezirk», sagt der Schwarzwald/Zollern-Vorsitzende, und an den Schnittstellen zu allem, was dazugehört: «Aktive, Jugend, Schiedsrichtergruppen, Frauen, Alte Herren, Pokal, alles.» In engstem Kreis arbeitet er mit seinem Bezirksvorstand, in dem die Zuständigkeiten klar verteilt sind: Staffelleiter, Jugendleiter, Pokalspielleiter, Schiedsrichter-Obmann. Seine Aufgabe ist, das Ganze zusammenzuhalten und trotzdem ansprechbar zu bleiben. Kein leichtes Ansinnen. 


Die große Baustelle: Menschen fürs Ehrenamt gewinnen

Auf die Frage nach den größten Herausforderungen sind sich alle drei schnell einig: Ehrenamt – oder besser gesagt, der Mangel daran. Kiekbusch formuliert es drastisch: «Es gibt immer weniger Menschen – besonders junge–, die sich im Ehrenamt einsetzen. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, wird es in den nächsten 20 Jahren einen großen Einschnitt geben.» Bernd Bastian nimmt das Thema pragmatisch: Trainer fehlen. «Für die erste

Mannschaft findet sich vielleicht noch jemand, aber in der Jugend sieht es überall schlecht aus.» Und selbst, wenn jemand bereit ist, eine Aufgabe zu übernehmen, kann es passieren, dass der Zeitaufwand unterschätzt wird. «Dann muss der Verein oder der Trainer nach ein paar Monaten sagen: Das hat keinen Wert.» Das klingt hart, aber dahinter steckt kein Urteil über Menschen, sondern die Erfahrung aus vielen Jahren: Der Spielbetrieb verlangt Verlässlichkeit.

Peter Becker schaut besonders auf den Nachwuchs. In seinem Bezirk gibt es nur noch 21 A-Jugend-Mannschaften. «Da wird mir angst und bange», sagt er. Weil die Frage nicht ist, wie die Aktivenstaffeln in dieser Saison aussehen, sondern wer in ein paar Jahren überhaupt noch nachrückt. Und Becker hat noch einen Punkt, der schnell untergeht, aber in vielen Vereinen den Unterschied ausmacht: Anerkennung. «Es wird zu wenig geehrt!» Es gebe so viele Menschen, die jahrelang Arbeit erledigen und nie ein Dankeschön bekommen. Sein Appell ist simpel – und gerade deshalb wirksam: «Dankeschön sagen tut nicht weh. Einen Antrag ausfüllen im DFB-Net, das kann man schaffen. Man muss nur daran denken und es tun.» Denn wer merkt, dass die eigene Arbeit gesehen wird, bleibt viel eher dabei.


Zwischen Kritik, Pflichtterminen und Realität

Zum Bezirks- bzw. Kreisvorsitzenden wird man gewählt. Aber «Kampfabstimmungen» gibt es nicht. «Es steht niemand Schlange, das Amt ist nicht sonderlich begehrt», sagt Becker. Oft wird im Vorfeld geklärt, wer sich zur Verfügung stellt – und wer zum Team passt. Da werde umgekehrt eher für das Amt geworben. Denn wer Verantwortung trägt, bekommt auch Gegenwind und muss das ein oder andere Mal auch ernüchtert auf die eigenen Anstrengungen schauen. Bernd Bastian nennt einen Klassiker: Einladungen zu Besprechungen, die nicht verpflichtend sind. «Dann kommen nur 15 Leute …» Die Organisation bleibt aber dieselbe, egal ob 20 oder 100 auftauchen. Auch ungerechtfertigte Kritik kann nerven. «Auf einmal haben wir zig Fußballmanager», sagt Bastian mit einem Schmunzeln. «Viele bewerten Entscheidungen aus der eigenen Perspektive und nicht objektiv.»

Das gilt besonders bei Terminen und Staffelgrößen. Bastian berichtet, wie in seinem Kreis nach langem Diskutieren die 14er-Staffel beschlossen wurde, um den Spielbetrieb zu entzerren. Vier Spieltage weniger – für manche ein Gewinn, für andere ein sportlicher Nachteil. Marcus Kiekbusch beschreibt genau dieses Spannungsfeld und versucht, es fair zu rahmen: Man müsse sich «ein Stück weit in die Herausforderungen der Vereine reinversetzen» und Verständnis haben, wenn Wege weiter werden oder Einteilungen unbequem sind. Gleichzeitig müsse man Entscheidungen erklären und aushalten, dass nicht jeder jubelt. «Wir wollen nichts Schlechtes – wir wollen eigentlich nur für einen geregelten, fairen Spielbetrieb sorgen.»

Peter Becker ärgert sich vor allem über etwas, das viele ehrenamtliche Funktionäre kennen: Informationsweitergabe. Wenn Hinweise oder Schreiben in Vereinspostfächern landen, aber nicht gelesen oder nicht weitergegeben werden, geht wertvolle Zeit verloren. «Wir machen das ja nicht zum Spaß.» Und wenn später Fragen auftauchen, die längst beantwortet waren, schleicht sich Frust ein.

Dann gibt es noch die Themen, die niemand mit «Fußballromantik» verbindet. Becker berichtet von Vorfällen, die weit über das übliche Maß hinausgehen: ein Juniorenspiel, bei dem ein Vater mit einem Messer auftauchte, Morddrohungen gegen Schiedsrichter. Das sind Vorfälle, die hängen bleiben. Als Bezirks- oder Kreisvorsitzender gehört es dazu, solche Dinge anzusprechen und Grenzen unmissverständlich aufzuzeigen.


Warum man es trotzdem macht 

«Es sind die Begegnungen mit Menschen», sagt Marcus Kiekbusch nüchtern, als es um Motivation geht. «Helfen, für andere da sein, Herausforderungen annehmen.» Sein persönlicher Hintergrund spielt hinein: Als Schiedsrichter habe ihn das Ehrenamt geprägt – «im richtigen Moment entscheiden, Ruhe bewahren, mit Kritik umgehen». Fähigkeiten, die im Leben nützlich sind. Bernd Bastian erzählt Ähnliches: Über 30 Jahre Ehrenamt, viele Rollen, viele geopferte Abende. «Manchmal denkt man bei Ärger: Warum tust du dir das an?» Seine Frau frage ihn das auch manchmal. Aber am Ende überwiege das Positive. Die Antwort bleibt trotzdem klar: «Ich mache es super gern und will es so lange machen, wie es geht.»

Bei Peter Becker steckt der Antrieb auch in seiner persönlichen Geschichte: Vor seiner Wahl gab es eine Phase, in der das Amt nicht besetzt war. «Wir waren ein Jahr führungslos», berichtet der Vorsitzende. Dazu kam, dass weitere Schlüsselposi­tionen wegfielen. Becker beschreibt es als «Chaos», und man merkt, dass es ihn bis heute antreibt, am Gegenteil zu arbeiten, an Strukturen. Sein Vater war übrigens selbst Vorsitzender im Bezirk – Fußball ist daher seit frühester Jugend Beckers Leidenschaft. Auch deshalb wollte er nicht zusehen, wie der Bezirk in schwieriges Fahrwasser gerät. «Mein Ansporn war, dass es weitergeht.»

Und Becker hat noch ein Thema, das ihn seit Jahren beschäftigt, weil er es aus nächster Nähe erlebt hat: Rassismus auf dem Sportplatz. Als Jugendtrainer hatte er in seiner Mannschaft mehrere dunkelhäutige Spieler mit Fluchtgeschichte. «Da gab’s mehrfach rassistische Vorfälle.» Beleidigungen, die nicht nur «im Eifer» passieren, Beleidigungen, die gerade junge Menschen hart treffen. 

Becker versuchte zu integrieren, lernte sogar selbst ein bisschen Französisch, um besser mit den Jungs sprechen zu können. Im Team funktionierte das: Freundschaften sind entstanden, bis heute hält er Kontakt. Die Angriffe kamen von außen, im Wettbewerb: von Gegenspielern, manchmal von Zuschauern. Und die sind schwer zu greifen, weil Schiedsrichter nicht alles hören können und manches gar nicht gemeldet wird. Für Becker bleibt deshalb vor allem eins: Das Thema immer wieder ansprechen, den Fokus darauf richten, «reden, reden, reden» – und klarmachen, dass Fußball ohne Respekt nicht funktioniert.

Und dann sind da die kleinen, leisen Highlights, die alle drei verbinden: Menschen wiedersehen, die man seit Jahren und Jahrzehnten nicht getroffen hat. Bastian spricht von «alten Kollegen», die früher gespielt oder gepfiffen haben, und die man plötzlich in ganz anderer Rolle, z. B. als Jugend-Trainer, wieder trifft. «Da kommt ein Name und du denkst: Der kommt dir bekannt vor.»

Kiekbusch wiederum schwärmt von Vereinsjubiläen: Festschriften, Ausstellungen, Geschichten, die jemand im Ehrenamt zusammensucht. «Jeder Verein hat ein anderes Drehbuch», sagt er. Und jedes Mal bleibt bei ihm derselbe Eindruck: «Das verdient höchsten Respekt.»


Zeit, Umfeld – und ein «Blumenstrauß» an Fähigkeiten

Wie viel Zeit steckt drin? Die drei schätzen es grob ähnlich ein: täglich ein, zwei Stunden – in Summe etwa 15 bis 20 Stunden pro Woche. Und das ist nur die messbare Seite. «Die Gedanken gehören täglich dazu», sagt Kiekbusch. Das wirkt sich aufs Umfeld aus. Bastian beschreibt den Spagat: Manchmal gibt’s Wochen, in denen weniger los ist, und manchmal nimmt alles rund um den Fußball überhand. «Teilweise hat man schon ein schlechtes Gewissen gegenüber der Familie.» 

Kiekbusch sieht in diesem Zusammenhang auch ein Generationenthema: Früher sei es in Beziehungen eher akzeptiert worden, wenn jemand viel unterwegs war. Mit modernen Familienkonzepten wie heute sei das schwieriger – und das spiele auch in die Ehrenamtskrise hinein.

Was braucht man also, um dieses Amt als Bezirks- bzw. Kreisvorsitzender auszufüllen? Den Willen zur Kommunikation, sagen alle drei Funktionäre. Menschen mitnehmen, überzeugen, erklären – und trotzdem im Zweifel vermitteln und ggf. auch unbeliebte Entscheidungen fällen. Kiekbusch nennt es einen «Blumenstrauß an Fähigkeiten», es sei so, wie ein Unternehmen zu führen. Becker ergänzt: Verständnis, Kompetenz, Durchsetzungsvermögen, Menschenkenntnis – und vor allem der richtige Ton. «Wenn man da durch den Wald holzt, wird es schwierig.»


Was der Fußball davon hat

Für Spieler, Trainer, Schiris und Ehrenamtliche ist der Nutzen ganz konkret: Bezirks- bzw. Kreisvor­sitzende sorgen mit ihren Teams dafür, dass Prozesse weiterlaufen, Fragen beantwortet und Entscheidungen erklärt werden, und dass Ansprechpartner zur Stelle sind, wenn es brennt. Oft ist es genau dieses Ehrenamt, das zwar nicht auf dem Spielbericht steht, aber dafür sorgt, dass es überhaupt einen Spielbericht gibt. | Nico Klinger, München