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Von Alexander Thomys

Gesellschaftliches Engagement

Kicken gegen Blutkrebs

von Alexander Thomys | Nach acht arbeitsreichen Wochen wurde Mitte Oktober im Klosterhof in Kusterdingen gefeiert: Vertreter der rund 70 beteiligten Vereine kamen zusammen, um das Ende der erfolgreichen Aktion «Kicken gegen Blutkrebs» zu würdigen und den ein oder anderen Preis mitzunehmen. Es war der feierliche Abschluss einer bemerkenswerten Gemeinschaftsaktion, die es so in der Region und darüber hinaus wohl noch nicht gegeben hat, wie es Jens Zimmermann, Vorstandsmitglied beim wfv, ausdrückte. Am Ende konnten mehr als 1200 Typisierungen verzeichnet werden – von Personen also, die sich als potenzielle Stammzellspender registrieren ließen und die damit denjenigen Hoffnung schenken, die zur Behandlung von Blutkrebs auf einen passenden Spender angewiesen sind.

Früher mussten die Spendenwilligen sich hierfür eigens Blut abnehmen lassen oder sich bei einer Blutspende für die DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) registrieren lassen. Heute reicht ein Abstrich von der Mundschleimhaut, um eine DNS-Probe zu entnehmen. Ein unkompliziertes Verfahren also, das Testkit mit Wattestäbchen wird zugeschickt. «Der ganze Registrierungsvorgang ist digitalisiert, man muss nur noch einen QR-Code scannen», erklärt Laura Jenter von der DKMS. Um auf diese lebensrettende Möglichkeit aufmerksam zu machen, braucht es aber Kommunikatoren und Aktionen – wie das von Wolfgang Poddig initiierte «Kicken gegen Blutkrebs». Beim Blutspenden sei ihm die Idee gekommen, eine Registrierungsaktion für die DKMS bei seinem Heimatverein, dem TSV Mähringen, durchzuführen.


Tritt in den Hintern 

Doch Poddig dachte weiter:«Warum nur in Mähringen, warum nicht mehr?» Schnell hatte er das Ziel, mindestens 1000 Personen für die DKMS zu begeistern. «Als ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, das ist schon sehr ambitioniert», erinnert sich Jenter. Doch schnell merkte die DKMS-Vertreterin: «Da war Musik dahinter.» Was auch mit Heiko Grobis zu tun hat. Der vernetzt mit seiner Online-Plattform «NTRT-Fussballreport» die Kicker in der Region zwischen Nürtingen und Reutlingen, ihn holte Poddig mit ins Boot, um für die DKMS zu werben.

«Erst lief es schleppend, aber zum Saisonstart im Bezirk Alb kam die Aktion so richtig ins Rollen», erklärt Grobis erfreut. Er habe «keine Sekunde gebraucht», um sich für die Aktion stark zu machen: «In meiner Familie und im Freundeskreis habe ich auch schon Krebsdiagnosen miterleben müssen.» Am Ende waren es 70 Vereine aus der ganzen Region, die bei ihren Heimspielen für die DKMS-Registrierung warben. Was mit einer Menge Arbeit verbunden war. «Allein mit Wolfgang Poddig habe ich rund 200 E-Mails geschrieben – und wir haben fast täglich telefoniert», berichtet die DKMS-Vertreterin Jenter.

Normalerweise würden sich Vereine nur für vereinzelte, einmalige Aktionen der DKMS melden. «Hier waren plötzlich 15 meiner Kollegen eingebunden, um alle Aktionen zu unterstützen.» Möglich machte den großen Erfolg auch, dass Poddig auf viele Unternehmen zuging, die es ermöglichten, Preise für die meisten Registrierungen auszuloben. «Die Leute brauchen immer einen kleinen Tritt in den Hintern», sagt Poddig schmunzelnd. Als Preise gab es dann etwa einen Trikotsatz, ein 10 l-Fass Bier, Spielbälle, Equipment oder auch eine Trainingseinheit mit dem ehemaligen Reutlinger Profiboxer Björn Blaschke.


Croatia Reutlingen mit den meisten Typisierungen

Die meisten Registrierungen gelangen dem SV Croatia Reutlingen, wo sich insgesamt 62 Menschen bereit erklärten, im Falle des Falles als Stammzellspender zu fungieren. Beim TSV Gomaringen registrierten sich 45 Personen, der TSV Kohlberg brachte es auf 43 Frauen und Männer, die sich bei
der DKMS meldeten. «Sollte es passende Treffer geben, um Leben zu retten, werden wir auch die Vereine darüber informieren», verspricht Jenter. Nach zwei Jahren übrigens dürfen sich Spender und Empfänger – wenn beide einverstanden sind – kennenlernen. «Das sind immer besondere Begegnungen und Momente», betont Angela Wistuba-Hamprecht von der DKMS.

Vereine aus der Region haben gezeigt, was es heißt, Teamgeist über den Platz hinaus zu leben. «Während eines Fußballspiels von 90 Minuten erhalten weltweit rund 200 Personen die Diagnose Blutkrebs», sagt Jens Zimmermann, der die Veranstaltung in Kusterdingen moderierte. Und jeder Einzelne könne dazu beitragen, diese teuflische Krankheit zu besiegen. Dass sich durch das Engagement von Poddig und Grobis «in wenigen Wochen so viele Vereine vereint» hätten, sei eine «wirklich großartige Sache», lobte Zimmermann. 

Vom wfv erhielten die beiden daher als Dankeschön Gutscheine für das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund und adidas-Gymsäcke. Die Initiatoren denken dabei bereits an die nächsten Aktionen für die gute Sache: Grobis etwa plant ein Hallenturnier mit dem SV Croatia – die Einnahmen sollen an den Förderverein für krebskranke Kinder in Tübingen gehen. Und Poddig hat vor, bei der nächsten Aktion auch andere Sportvereine einzubinden. Aus «Kicken gegen Blutkrebs» könnte dann «Sport gegen Blutkrebs» werden. | Alexander Thomys, Tübingen