Von Nico Klinger
Bilden, Qualifizieren, Sensibilisieren
Training für Trainer: Für besseren Fußball
von Nico Klinger | Guter Fußball beginnt nicht in großen Stadien, sondern auf kleinen Plätzen – und mit Trainern, die wissen, wie man Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene für den Sport begeistert. Damit aus Engagement Qualität werden kann, setzt der deutsche Fußball seit vielen Jahren auf Aus- und Fortbildungsmaßnahmen. Wer eine Mannschaft trainiert, soll nicht nur wissen, wie man ein Spiel gewinnt, sondern auch, wie man Lernprozesse gestaltet, Talente fördert und Gemeinschaft vermittelt. Hinter den Kulissen entsteht dabei viel Arbeit: Lehrgänge müssen organisiert, Inhalte vorbereitet und Abläufe koordiniert werden – vieles davon geschieht im Ehrenamt.
Menschen wie Wolfgang Köninger, Caner Kaygisiz, Denise El Boukri und Georg Müller bilden das Rückgrat dieser Ausbildung. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufen und verschiedenen Landesverbänden. Einige stehen selbst auf dem Platz, andere halten das System im Hintergrund am Laufen – alle verfolgen dasselbe Ziel: mehr Qualität im Training – für mehr Spaß am Spiel.
Die Trainerlaufbahn
Die Trainerausbildung im deutschen Fußball wurde 2022 grundlegend reformiert. Heute ist sie modu-lar aufgebaut und stärker auf Zielgruppen und Erfahrungsstufen ausgerichtet. Das Modell wird in der «Entwicklungstreppe für Trainer» dargestellt – ein System der DFB-Akademie, das den Weg von der ersten Trainererfahrung bis zur Profi-Lizenzstufe abbildet. Der Einstieg ist meistens eines der freiwilligen Zertifikate für Kinder-, Jugend- oder Walking-Football-Trainer. Sie vermitteln erste Grundlagen, sind aber nicht Pflicht für die weitere Laufbahn. Wer in die Lizenzstufe einsteigen möchte, beginnt mit dem DFB-Junior-Coach (für Schüler ab 15 Jahren) oder dem DFB-Basis-Coach für Erwachsene.
Mit einem dieser Kurse ist der Weg frei für die C-Lizenz, die zum Training aller Mannschaften im Breiten- und Nachwuchsfußball bis zur Bezirks- bzw. beim bfv bis zur Kreisebene berechtigt. Darauf folgt die B-Lizenz für den leistungsorientierten Amateurfußball; bis hierhin sind die Landesverbände verantwortlich. Ab der B-Lizenz verzweigt sich die Ausbildung: zur A-Lizenz oder in den Jugendleistungsbereich über die B+- und anschließend A+-Lizenz. Die höchste Stufe bildet die DFB-Pro-Lizenz, Voraussetzung für Cheftrainerpositionen im Profi- und internationalen Fußball.
In der Regel durchlaufen Trainer die Ausbildung schrittweise. In begründeten Ausnahmefällen – etwa bei ehemaligen Leistungsspielern mit umfassender Erfahrung – ist auch ein Direkteinstieg auf einer höheren Stufe oder das Überspringen einzelner Stufen möglich. «Wir hatten auch schon richtige Trainertalente, wo wir in den Lehrgängen gesehen haben: Hey, da ist einer dabei, der hat wirklich ein gutes Handling, der bringt gute Beiträge, hat ein gutes Auge. Solche Leute versuchen wir dann natürlich zu animieren, auch eine B- oder C-Lizenz anzustreben», berichtet Wolfgang Köninger vom Lehrteam des SBFV.
Ergänzend zu den Qualifizierungswegen werden auch zahlreiche Weiterbildungen angeboten. Diese dienen der fachlichen Vertiefung und sind zugleich verpflichtend, wenn Lizenzen oder Zertifikate verlängert werden sollen. Sie konzentrieren sich auf spezielle Themen des Trainingsalltags – etwa Torwarttraining oder Mädchen- und Frauenfußball –, greifen aber auch darüber hinaus: Prävention sexualisierter Gewalt, Integration, Inklusion sowie psychologische und rechtliche Aspekte des Coachings gehören dazu.
«Auch das ist Teil des Trainerbilds», sagt Georg Müller, Beisitzer für Bildung und Qualifizierung im Bezirk Schwarzwald/Zollern und seit 2021 im wfv-Lehrteam. Gemeint ist die gesellschaftliche Verantwortung, die der Fußball als Volkssport – und damit auch seine Trainer – trägt. «Man muss da manchmal sensibilisieren», erklärt Müller. Etwa wie man verhindert, dass junge Spieler das Fehlverhalten der Großen imitieren, oder wie die Kinder ab einem gewissen Jahrgang in die Dusche zu gehen haben. Auch rechtliche Aufsichtspflichten gehören dazu – z. B. dass Bambini nach dem Training nicht einfach losgeschickt werden, wenn die Eltern zum vereinbarten Zeitpunkt nicht am Sportplatz sind. «Man wundert sich manchmal, dass einige darüber gar nicht nachdenken. Umso wichtiger, dass solche Themen Teil unseres Programms sind», erklärt Müller.
Treppensteigen
Die Lehrgänge folgen einem modularen Blended-Learning-Konzept, das Online- und Präsenzphasen im Wechsel kombiniert. Jede Qualifizierungsstufe umfasst dabei eine vorgegebene Anzahl an Lerneinheiten, je nach Lizenz. Ein typischer Kurs, etwa der Basis-Coach, läuft über sechs bis acht Wochen, umfasst drei bis vier Präsenztage und 40 Lerneinheiten von je 45 Minuten. Bei der C-Lizenz sind es beispielsweise 120 Lerneinheiten über eine Dauer von acht bis sechzehn Monaten.
Ein Teil der Inhalte wird über den digitalen edubreak-Campus vermittelt: Dort arbeiten die Teilnehmer eigenständig mit Lernvideos, Aufgaben und Reflexionsfragen. Während der Onlinephasen sollen sie außerdem ihr eigenes Training im Verein als rund acht- bis zehnminütiges Video aufzeichnen – zur Reflexion ihres Verhaltens und ihrer Kommunikation. «Das bringt viele aus der Komfortzone, sorgt aber für die größten Lerneffekte», sagt Caner Kaygisiz, der im wfv-Lehrteam Referent für Kinderfußball ist.
In den meist an Wochenenden stattfindenden Präsenzphasen steht die Anwendung im Vordergrund: Training planen, auf dem Platz umsetzen, analysieren und gemeinsam auswerten. Dabei ist es den Referenten wichtig, nicht zu belehren, sondern zu beteiligen. «Wenn es um Spielformen geht, kicken wir erst ein 3-gegen-3 und danach ein 7-gegen-7», erklärt Kaygisiz. «Dann lassen wir die Trainer Ballkontakte zählen und die Intensität einschätzen. Viele sagen: ‹Das waren doch bestimmt acht oder neun Minuten› und sind dann völlig überrascht, dass es nur drei waren. So etwas zeigt viel unmittelbarer als jede Folie, warum kleine Spielformen im Kinderbereich einfach mehr bringen.»
Viele der Vor-Ort-Schulungen werden dezentral organisiert und finden direkt in den Vereinen statt. Beliebte Kurse wie der Kindertrainer oder der Basis-Coach werden außerdem parallel in mehreren Bezirken bzw. Kreisen angeboten – kurze Wege sollen die Teilnahme erleichtern. «Der Ablauf ist im Grunde immer derselbe, trotzdem ist jeder Kurs anders», sagt Denise El Boukri, die beim bfv im Lehrteam aktiv ist. «Man nimmt aus jeder Veranstaltung etwas mit. Deshalb kann ich Wiederholungen jedem Trainer nur empfehlen.»
Die Menschen hinter der Ausbildung
Hinter den Schulungen steht ein engagiertes Netzwerk von Ausbilderinnen und Ausbildern. Beim SBFV sind rund 30 Personen im Lehrteam aktiv, drei davon hauptamtlich in der Geschäftsstelle. Ähnlich verhält es sich in Baden. Dort sind ebenfalls drei Hauptamtliche für den Bereich Bildung verantwortlich, die gemeinsam mit den neun Qualifizierungsbeauftragten in den bfv-Fußballkreisen und mit 15 Referenten die Aufgaben stemmen. Beim wfv arbeiten rund 80 Personen im Lehrteam, organisiert in zwei Gruppen – eine für Kinder, eine für Erwachsene. Die Mitglieder dieser Teams legen die zu vermittelnden Inhalte fest, organisieren Lehrgänge, begleiten die Teilnehmer im Online-Campus, motivieren zur Aufgabenbearbeitung, liefern Informationen, beantworten Fragen, moderieren Präsenzphasen oder koordinieren Referenten. Auch die Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen liegt in ihren Händen – und das alles zum größten Teil ehrenamtlich, neben Beruf und Familie.
Und es gibt mehr als genug zu tun: Gerade bei den niedrigschwelligen und dementsprechend beliebten Zertifikaten und Qualifikationen ist die Nachfrage groß. «Die Kurse sind immer innerhalb weniger Stunden restlos ausgebucht. Wir haben zu wenige Kapazitäten und viel zu viele Bewerber – und die lechzen geradezu nach Information. Aber das ist ja eigentlich etwas Schönes», erklärt Köninger. «Zum Glück können wir die Lehrgänge so legen, dass es irgendwie mit dem Alltag vereinbar ist», knüpft Kaygisiz an. Im Laufe eines Jahres betreut er ein bis zwei Kurse für das Kindertrainer-Zertifikat und ebenso viele für den DFB-Basis-Coach – jeweils über vier bzw. sechs bis acht Wochen – sowie zusätzlich zwei abendfüllende Kurzschulungen im Frühjahr und Herbst. In einem Monat, in dem er einen Lehrgang betreut, summiert sich das schnell mal auf 25 bis 30 Stunden ehrenamtliche Arbeit.
«Wenn ein Kurs läuft, bestimmt das den Wochenablauf», bestätigt Köninger und ist – wie auch seine Kollegen – dankbar dafür, eine verständnisvolle Familie zu haben, die das mitmacht. Auch Georg Müller sieht das so: «Man hat zwischen Onlinephase, Kommunikation, Teilnehmerverwaltung und Präsenz einfach viele kleine Aufgaben, die massig Zeit fressen.» Er erzählt von Wochen, in denen er nach Feierabend noch bis spät in die Nacht E-Mails beantwortet, Teilnehmerlisten aktualisiert oder Zugangsdaten für das Online-Portal verschickt. Ärgerlich sei dabei lediglich, wenn sich Interessierte anmelden, dann aber nicht erscheinen. «Meine letzte Kurzschulung war ein Extremfall», erinnert sich Müller. 37 angemeldet, 17 kamen nicht, 14 davon unentschuldigt … Da fragt man sich schon, warum man sich das antut.» Gute Frage – warum eigentlich?
Warum es sich lohnt
Georg Müller bringt es auf seine Art auf den Punkt: «Auch wenn’s manchmal zum Kotzen ist, macht’s doch einfach Spaß. Immer wieder Highlights, immer wieder ‹Leuchttürme›.» Eine dieser Sternstunden ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: «Da war eine Mutter, die nur wegen ihrer Kinder das Bambinitrainer-Zertifikat machen wollte – selbst hat sie nie gekickt. Nach dem Kurs kam sie zu mir und fragte: ‹Jetzt will ich eigentlich weitermachen. Traust du mir das zu?› Heute hat sie eine C-Lizenz und ist eine Ikone in ihrem Verein. Wenn sie mich sieht, strahlt sie über beide Ohren – und dann weiß ich: Dafür mache ich das.»
Eine Entwicklung, die auch Denise El Boukri gemacht hat. Sie kam ursprünglich als Bambini-Trainerin für das Team ihrer Kinder zum Fußball, um eine Lücke im Verein zu füllen. Als hauptberufliche Erzieherin hatte sie zwar einen natürlichen Draht zu den Kids, selbst aber nie aktiv gespielt. «Der Einstiegskurs hat mich damals so begeistert, da wollte ich einfach mehr», berichtet die engagierte Ehrenamtliche. «Mit jedem weiteren Lehrgang habe ich gemerkt, dass es im Training einfach besser läuft. Jetzt freue ich mich, auch anderen dieses Gefühl geben zu können.»
Für Caner Kaygisiz und Wolfgang Köninger liegt die Motivation vor allem darin, etwas für die Kinder zu verändern – nicht nur, was trainiert wird, sondern wie und warum. «Wir wollen weg von den alten ‹Supermarktkasse-Übungen›, wo einer durch den Hütchendschungel läuft und 13 andere warten», sagt Köninger. «Kinder sollen sich bewegen, Spaß haben und leidenschaftlich bleiben.» Kaygisiz ergänzt: «Mehr Funiño und keine Kinder mehr, die im Stadion Runden drehen! Wenn wir Trainer dafür gewinnen, mit Begeisterung und Spielnähe zu arbeiten, dann haben Kinder Spaß an der schönsten Nebensache der Welt, dem Fußball – und das ist das Größte, was ich mir vorstellen kann.» | Nico Klinger