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Die kleinen und großen Entscheidungen des Lebens

Majd Soud: Integration durch Fußball

von Jule Giesemann, Lina Heinkelein, Thomas Kellermann, Carolin Mandel | Majd kam im Alter von 21 Jahren nach Deutschland. Zehn Jahre später hat er hier ein Zuhause gefunden: Freundeskreis, Arbeit und das, was ihm am meisten Halt gibt – der Fußball. Als Schiedsrichter hat er nicht nur Spiele geleitet, sondern auch die Sprache gelernt, Selbstvertrauen gewonnen und einmal sogar durch beherzte Erste Hilfe ein Leben gerettet. Sein Weg ist eine persönliche Geschichte über Flucht, Ankommen und darüber, wie Gemeinschaft aus Begegnungen entsteht.

Seine Geschichte ist eine von so vielen. Geboren, aufgewachsen, geflüchtet, angekommen. Majd Soud ist 21, als er in dem Boot sitzt – nach Europa, zuerst über Griechenland nach Schweden, ein halbes Jahr später nach Deutschland. Eine neue Sprache, eine neue Kultur, ein neues Umfeld – seine syrische Heimat bleibt zurück. Hier eine neue zu finden, darum wird es in den nächsten Jahren gehen, vielleicht sogar für sein restliches Leben. Sein Aufenthalt in Schweden sollte eigentlich kein vorübergehender sein, die Dublin-Verordnung verhinderte dies jedoch: «Ich wollte eigentlich in Schweden bleiben. Auf der Durchreise durch Deutschland wurden Fingerabdrücke von mir genommen. Mir wurde damals gesagt, dass das aus Sicherheits- und Kontrollgründen passiert, das hat aber leider nicht gestimmt. Diese Aktion hat den Asylantrag-Prozess ausgelöst und in Schweden habe ich dann erfahren, dass ich kein Recht auf einen weiteren Asylantrag habe, wenn bereits in Deutschland einer läuft.» Majd hätte sich einen Anwalt nehmen können, das wollte er aber nicht. Also entschied er sich kurzerhand, nach Deutschland zu kommen. «Das fand ich zwar schade, weil ich bereits angefangen hatte, Schwedisch zu lernen, und mich bereits ein wenig eingelebt hatte – im Nachhinein war es aber das Beste, was mir hätte passieren können. Auch wenn es ein bisschen nervig war, jetzt schon wieder eine neue Sprache zu lernen …», berichtet der heute 31-Jährige. 

Majd hat sich mittlerweile in seiner neuen Heimat viel aufgebaut: Freundeskreis, Beruf, Wohnung und seine Lieblings-Sonntagsbeschäftigung: Fußballspiele pfeifen. Die Liebe zum Kicken reicht weit zurück: «Fußball war schon immer eine sehr, sehr tolle Sportart für mich. Ich bin tief drin und fühle mich dem Fußball sehr verbunden. Er ist ein sehr großer Teil meines Lebens», erklärt der Syrer. In seinem Heimatland hat er selbst im Verein gespielt und ist auch über das aktive Kicken hinaus großer Fan des Sports, insbesondere des FC Barcelona. Seit 2013 ist er Mitglied im Club, hat seine Herzensmannschaft siebenmal live gesehen, fünfmal davon im Camp Nou. Ein Fußballverrückter, der sich für seine große Liebe für nichts zu schade ist, nicht für weite Reisen oder teure Tickets und auch nicht für Minusgrade und durchnässte Socken. 

Und seit drei Jahren geht er der Schiedsrichterei nach, 130 Spiele hat er in verschiedenen Kreisligastaffeln gepfiffen. Auch deswegen, weil ihm die Aufgabe als Unparteiischer geholfen hat, sein neues Leben in Deutschland zu füllen und sein neues Umfeld zur Heimat zu wandeln.


Heimat im Fußball

In Deutschland startete er 2017 zunächst als Sprinter für die SG Stern Stuttgart, ein Jahr später für die Leichtathletik-Abteilung des VfB. Dass er seit 2023 wieder auf dem Fußballplatz steht und dabei eine Pfeife in der Hand hat, hat sich eher zufällig ergeben, berichtet Majd: «Ein syrischer Freund, der auch schon lange in Deutschland ist und mit dem ich damals zusammengewohnt habe, hat gesehen, dass man eine Schiedsrichterschulung machen kann. Wenn man diese besteht, kriegt man einen eigenen Schiedsrichterausweis und darf pfeifen … Wir haben uns direkt angemeldet, es war alles wirklich sehr spontan. Dann haben wir die fünfwöchige Schulung gemacht und die anschließende Prüfung auch ziemlich gut bestanden.»

Nur kurze Zeit später steht Majd in seiner neuen Funktion auf dem Platz, bei einem Jugend-Freundschaftsspiel. «Ich war sehr im Stress, sehr nervös. Du lernst in der Ausbildung eigentlich alles, aber in der Praxis ist es ganz anders. Ich wusste gar nicht, wo ich hinlaufen soll, was ich machen soll, aber mit jedem Spiel wurde es besser», erinnert sich Majd. Doch nicht nur seine Souveränität als Spielleiter wächst mit der Zeit, auch die Integration in seine neue Heimat profitiert von seinem neuen Hobby: «Ich habe neue Leute kennengelernt, Spieler, Trainer, Zuschauer. Jeder einzelne war Teil meines Weges, weil ich von jedem dazugelernt habe, beispielsweise die Sprache, durch die Kommunikation während des Spiels und nach dem Abpfiff. Ich musste plötzlich ständig Deutsch sprechen – sowohl umgangssprachlich als auch im sportlichen Jargon. Man hat ja auch keine andere Wahl, wenn man seine Entscheidungen erklären will.» Vor seiner Schiri-Ausbildung hatte Majd noch Schwierigkeiten, alles zu verstehen, auch die Inhalte im Kurs. Dank der Einsätze als Referee hat er jedoch dazugelernt. Woche für Woche. «Und mich auch immer mehr getraut. Ich habe mehr Vertrauen in meine Deutschfähigkeiten bekommen.» 

Nicht nur auf der sprachlichen Ebene hat das Pfeifen ihm viel gegeben. Majd erzählt auch vom persönlichen Wachstum, das ihn als Mensch sehr geprägt hat: «Schüchternheit ist schon immer ein großes Thema bei mir gewesen. Ich war zögerlich, ich war immer lieber ruhig, und auch unsicher in meinen Entscheidungen. Nicht nur auf dem Platz, sondern generell im Leben. Kleine und große Entscheidungen sind mir schwergefallen, ich habe jeden Schritt erst wochenlang gedanklich durchkauen müssen.» In dieser Hinsicht lerne man als Schiri natürlich viel dazu, erklärt der Bankkaufmann. «Ich kann wirklich sagen, dass ich heute besser bin: Ich entscheide direkt und habe mehr Vertrauen, dass ich es auch richtig mache. Als Schiedsrichter musst du innerhalb eines Moments entscheiden und diese Entscheidung dann auch begründen und verteidigen können. Man trägt Verantwortung und stellt sich Woche für Woche neuen Herausforderungen, natürlich wächst man auch als Mensch daran. Man lernt fürs Leben.»


Alles ist besser als Nichtstun

Im Dezember 2024 kommt es zu einem weiteren lebensprägenden Ereignis. Majd pfeift ein Spiel, ist lange vor Anpfiff vor Ort. Gerade läuft noch eine andere Partie. Beim Gang Richtung Kabine erblickt er eine Notsituation: «Ich habe gesehen, dass am Spielfeldrand eine Menschenmasse stand, in deren Mitte zwei Männer waren. Einer, der regungslos am Boden lag und einer, der kniend eine Herzdruckmassage gab.» Gedankenschnell und ohne zu zögern greift Majd ein, um selbst zu helfen. «Ich habe nicht überlegt. Bei der Arbeit in der Bank bin ich eingetragener Ersthelfer, ich habe schon mehrere Kurse gemacht. Vor allem aber als Mensch musste ich hingehen und was unternehmen, ich konnte nicht einfach nur zuschauen. Ich habe dem Mann, der gerade noch Hilfe geleistet hat, erklärt, dass ich qualifiziert bin und übernehmen würde.» Zwanzig Minuten lang leistete Majd Ersthilfe – Herzdruckmassage und Beatmung –, bis der Notarzt kam. «Besonders schlimm war, dass der Sohn des Notfallpatienten die ganze Zeit nebendran stand und verzweifelt nach seinem Vater schrie. Ich habe versucht, ihm zu sagen, dass alles gut werden würde, dass wir das hinkriegen. Aber das hat ihn natürlich nicht beruhigt.»

Nachdem der Patient im Krankenwagen abtransportiert worden war, war Majd komplett aufgelöst. «Ich habe den beiden Mannschaften, deren Spiel ich leiten sollte, die Situation erklärt und ihnen mitgeteilt, dass ich nicht in der Lage bin, die Partie zu pfeifen. Dann habe ich noch den Staffelleiter informiert», erinnert sich der Unparteiische. Bis Majd wieder zur Ruhe kommen kann, vergeht viel Zeit. «Die Tage danach waren sehr hart, vor allem die Nächte. Das war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich danach fühlt. Drei Tage später habe ich die Information bekommen, dass der Mann überleben wird. Danach ist viel Last von mir abgefallen. Ich habe auch mit dem Sohn des Reanimierten telefoniert und wir haben uns zusammen über die gute Neuigkeit gefreut», berichtet Majd, dem die Gefühlsachterbahn von damals beim Erzählen emotional durchaus anzumerken ist. 

Nicht zu helfen sei jedenfalls keine Option gewesen. «Klar, man ist überfordert, man zweifelt, man möchte ja nichts falsch machen. Aber in dieser Situation ist jeder Beitrag ein guter. Alles ist besser als Nichtstun. Deswegen habe ich mich getraut, obwohl ich ja auch nicht wusste, ob ich alles richtig umsetze.»


95 Prozent deutsch

Spätestens diese Geschichte macht deutlich: Majd ist nicht nur sportlich eine Bereicherung für seine neue Heimat, sondern auch menschlich. Ein gemeinsamer Nenner zieht sich durch viele glückliche Fügungen und Entscheidungen, die ihn zu dem Punkt geführt haben, an dem er heute ist: der Sport. Seine Teilhabe am Fußball hat ihm in allen Belangen bei der Integration geholfen. Vor allem hat er ihm aber Gemeinschaft gegeben und dafür gesorgt, dass seine neue Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern aus Menschen besteht, bei denen er sich zu Hause fühlt: «Beim TSV Bernhausen und vor allem bei meiner Schiedsrichtergruppe habe ich Leute getroffen, die ich heute meine Freunde nenne. Ohne den Fußball hätte ich diese vielleicht nie kennengelernt.» 

Nicht zuletzt wegen dieser Freundschaften sieht er Deutschland mittlerweile als seine Heimat an. «Ich habe hier bei null angefangen, habe mein Leben und meine Zukunft hier aufgebaut und fühle mich in Deutschland sehr wohl. Hier ist meine Heimat. Ich war die ersten 21 Jahre meines Lebens in Syrien, aber das, was ich in den letzten zehn Jahren erleben und lernen durfte, wiegt gerade mehr.» Klar habe er Heimweh, sagt Majd – immerhin habe seine Kindheit in Syrien stattgefunden, seine Familie sei noch dort und oft erinnere er sich mit Wehmut an die schönen Momente und Freundschaften seiner Jugend. Aber das ändere nichts daran, dass Deutschland heute sein Zuhause sei und es sich auch genau so anfühle. «Manchmal habe ich sogar das Gefühl, 95 Prozent deutsch zu sein», erklärt Majd und grinst. 

«Integration klappt nur, wenn man die Sprache lernt und mit den Leuten zusammenkommt», erklärt Majd Soud. Der Fußball sei so riesig in Deutschland, ein so großer Teil der Kultur und der Gesellschaft, dass hier jeder Zugang und Hilfe beim Ankommen findet. «Man muss rausgehen, Freundschaften suchen, am besten auch an die Zukunft denken und eine Ausbildung oder ein Studium anfangen, damit man auch wirklich ein gutes Leben führen und alle Vorteile dieses Landes genießen kann» sind seine inspirierenden und ermutigenden Worte an alle, die sich ähnlichen Herausforderungen gegenübergestellt sehen. «Mit Freunden bist du nie allein. Wenn du selbst den Zugang zur Gesellschaft suchst, fühlst du dich irgendwann auch nicht mehr fremd. Es ist am Anfang schwer, aber wenn man sich dann irgendwann in seinem neuen Land zu Hause fühlt, zahlt es sich absolut aus», fasst Majd seine vergangenen zehn Jahre als Schiedsrichter, als in Deutschland Angekommener und vor allem als Mensch zusammen. | Jule Giesemann, Lina Heinkelein, Thomas Kellermann, Carolin Mandel, Kurs «Content & Production», Hochschule der Medien Stuttgart



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