Von Florian Konrad
Mit TikTok gegen Nachwuchssorgen
Matthias Brudek wirbt für mehr junge Schiedsrichter
von Florian Konrad | Viele Fußballfans sehen sich selbst als Experten – egal ob sie im Stadion sitzen oder zu Hause vor dem Fernseher. Fast immer wird leidenschaftlich über die Leistungen der Spieler diskutiert. Oft steht auch der Schiedsrichter im Mittelpunkt der Kritik und gilt schnell als «blind». Doch nicht jede negative Rückmeldung entspricht tatsächlich den Fußballregeln. Das weiß Matthias Brudek. Der 33-jährige Rastatter ist seit Sommer 2025 SchiedsrichterLehrwart im Fußballbezirk Baden-Baden und erklärt: «Auch erfahrene Fußballer und selbst ernannte Experten liegen bei seltenen Regelfällen oft falsch.»
Schiedsrichter darf Spiel auch ohne Tornetze anpfeifen
Brudek bringt einige Beispiele aus dem Regeltest für Schiedsrichter. Bei einem Kreisligaspiel fehlen die Tornetze. Darf der Schiedsrichter das Spiel trotzdem anpfeifen? Die Antwort lautet «Ja», weil laut Regelwerk Netze nicht zwingend vorgeschrieben sind. Beispiel 2: Ein Verteidiger steht auf der Torlinie zwischen den Pfosten und wehrt den Ball mit den Händen ab. Der Ball prallt von der Querlatte ab und landet trotzdem im Tor. In diesem Fall lautet die korrekte Entscheidung «Tor und Verwarnung des Verteidigers». Das Spiel wird mit einem Anstoß fortgesetzt. Beispiel 3: Ein Verteidiger köpft im Strafraum den Ball seitlich Richtung Mitspieler. Dabei trifft der Ball seinen auf Schulterhöhe weggestreckten Arm. Hier liegt kein strafbares Handspiel vor, das Spiel läuft weiter.
Für Brudek sind solche Regelfragen Routine. Seit 18 Jahren leitet er inzwischen Fußballspiele. Schon mit 14 stieg er ein, pfiff zunächst für seinen Heimatverein, die DJK Rastatt. Später führten ihn Studium und Job in andere Regionen Deutschlands und auch ins Ausland. Als Schiedsrichter war er aber immer aktiv, egal wo er gerade lebte. Inzwischen pfeift der Berufsschullehrer für den SV Leiberstung. Der Kontakt zum neuen Verein kam über einen seiner Assistenten zustande.
«Mein Ziel ist es, andere für die Schiedsrichterei zu begeistern.»
Brudeks höchste Spielklasse ist die Verbandsliga, in die er 2025 wieder aufstieg, bzw. die Futsal-Regionalliga. Mehr geht aufgrund seines Alters nicht mehr. Für Brudek ist das überhaupt kein Problem. «Im Mittelpunkt steht für mich der Spaß», betont er. «Mein Ziel ist es, andere für die Schiedsrichterei zu begeistern.»
Die Tätigkeit als Lehrwart ist nicht Brudeks erstes Amt im Bezirk. Früher war er als Obmann für die jungen Schiedsrichter zuständig, übrigens als Nachfolger des heutigen Bundesligaschiedsrichters Daniel Schlager. Zusammen mit dem neuen Führungsteam um Christian Rose versucht Brudek, die Schiedsrichterei attraktiver zu machen. Seit Beginn dieses Jahres werben die regionalen Unparteiischen auf dem TikTok-Kanal «Schwarzkittel Baden-Baden» mit kurzen Videos um Nachwuchs. In den Anmeldezahlen für den Neulingslehrgang Anfang des Jahres spiegelte sich dies jedoch nicht wider. Mit 13 Teilnehmern blieb die Gruppe der interessierten Neulinge dort eher klein.
«Das reicht nicht aus, wir bräuchten deutlich mehr Nachwuchs», erklärt Brudek. Ein weiteres Problem sei, dass viele der Neueinsteiger in den ersten fünf Jahren wieder aufhören. Um diese Ausstiegsquote zu reduzieren, hat die neue Schiedsrichterführung ein neues Patenkonzept entwickelt: Unter dem Motto «begleiten statt bewerten» sollen Neulinge mit digitalen und dialogischen Feedback-Formaten gezielt herangeführt werden, um ihnen die Angst zu nehmen. Fußballer in fortgeschrittenem Alter sind dabei ebenso willkommen wie Jugendspieler.
«Ob und wie erfolgreich das Konzept ist, wird sich zeigen, wenn die Neulinge ihre ersten Spiele leiten», sagt Brudek. Schon jetzt sei aber klar: Der Erfolg hänge maßgeblich vom Engagement erfahrener Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter ab, die sehr viel Zeit investieren – bei einer Aufwandsentschädigung, die dem tatsächlichen Aufwand kaum gerecht werde … | Florian Konrad, «BNN», Rastatt