Interview mit Bundesliga-Schiri Daniela Kottmann
Bundesliga-Schiri Daniela Kottmann
Dr. Julia Fischer und Fabian Diehr im Gespräch mit Daniela Kottmann | Fußball lebt vom Wettbewerb, von Gemeinschaft und von der Freude am Spiel. Damit all das auf dem Platz möglich ist, braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen – und manchmal auch in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen müssen. Daniela Kottmann ist einer von ihnen. Die Schiedsrichterin von der SG Altheim hat sich mit Leidenschaft und Konsequenz ihren Weg durch den Fußball erarbeitet. Im Interview spricht sie darüber, was sie an diesem Sport fasziniert, welche Kraft der Fußball entfalten kann und warum für sie trotz Leistungsdruck und Rückschlägen eines nie verloren gehen darf: die Freude am Spiel.
Daniela, wie kamst du als junges Mädchen zum Fußball?
Wenn man in einem Dorf mit 600 Einwohnern aufwächst und 500 davon im örtlichen Verein Mitglied sind, gibt es nicht viele Alternativen. Ich stand vor der Wahl: Fußball oder Kinderturnen. Meine Eltern trainierten aber in der SG Altheim die Bambini und nahmen mich und meine Schwester schon als Kleinkinder mit auf den Platz und mit in den Verein. Es stand also nie zur Debatte, dass ich etwas anderes machen würde als Fußball spielen. Gleichzeitig hat mir Kicken von Anfang an unfassbar viel Spaß gemacht – schon als Kind habe ich meine Zukunft im Fußball gesehen, allerdings als Spielerin.
Wie kam der Entschluss, Schiedsrichterin zu werden?
Das war ein Zufall: Als die Schiedsrichtergruppe Ehingen bei uns zu Hause anrief, wollten sie eigentlich meine ein paar Jahre ältere Cousine erreichen. Mein Vater reichte den Hörer aber einfach an mich weiter, weil er es für eine gute Idee hielt, dass ich ein solches Amt übernehme. Außerdem war er für die Kasse der SG verantwortlich und als waschechter Schwabe reuten ihn die Strafzahlungen, die unser Verein damals leisten musste, weil nicht genügend Referees gestellt werden konnten. Und mit dreizehn traute ich mich nicht, Nein zu sagen, fand mich also kurze Zeit später in einem Neulingskurs wieder …
Trotz der Tatsache, dass du ein Jahr zu jung warst.
Ja, da wurde kurzerhand eine Sondergenehmigung ausgearbeitet.
Als Kind hattest du Leukämie. Hat dich der Weg durch diese Krankheit stärker gemacht?
Dass ich offen genug für diese neue Aufgabe als Schiedsrichterin war, hängt sicher auch damit zusammen. Mit neun erhielt ich die Diagnose und verbrachte viele Monate im Krankenhaus. Ich habe gar nicht richtig verstanden, was mit mir passiert. Das Schlimmste in meiner Welt war damals, dass ich nicht mehr Fußball spielen konnte und dass ich durch die Chemotherapie meine Haare verlor.
Du hast zwei Jahre lang eine sehr intensive Therapie durchlebt. Hat dir der Fußball dabei geholfen?
Ja, ich habe aber auch sehr positive Erinnerungen an diese Zeit – und Fußball hat damit viel zu tun: 2006 war die WM in Deutschland und die Krankenpfleger und -schwestern verfolgten die Spiele der deutschen Mannschaft bei mir im Zimmer – weil allen klar war, dass ich der fußballverrückteste Patient in der Abteilung war. Diese Phase hat uns alle mitgerissen. Es war einfach etwas Besonderes, die WM im eigenen Land zu erleben. Damals wurde mir auch mein großes Ziel immer klarer: irgendwann in einem vollen Fußballstadion zu stehen. Das wollte ich unbedingt erreichen und habe das auch immer wieder anderen gegenüber so benannt. Zwar hatte ich das damals als Spielerin und nicht als Schiedsrichterin im Sinn, doch diese harte Erfahrung mit meiner Krankheit hat mich gelehrt, dass Rückschläge immer auch eine Chance in sich tragen. Wäre in meiner Jugend alles «normal» gelaufen, hätte ich wahrscheinlich in so jungen Jahren nie den Mut gehabt, Schiedsrichterin zu werden.
Wie liefen deine ersten Spiele als Unparteiische?
Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich von Anfang an Spaß am Schiedsrichterdasein hatte. Zu Beginn musste ich mich richtig durchbeißen. Ich war etwa im selben Alter wie die Spieler auf dem Platz, mitten in der Pubertät, mit einem Herrentrikot Größe L, in dem ich fast verschwand, und musste auch noch Jungs pfeifen. Cool fand ich daran gar nichts, ich habe mich gefühlt wie ein Häufchen Elend. Zudem war ich auch noch eher schüchtern – allein den Trainer der Heimmannschaft zu finden, ihm die Hand zu geben und zu fragen, wo die Kabine ist: heute alles selbstverständlich – damals für mich jedes Mal komplett nervenaufreibend …
Trotzdem hast du weitergemacht.
Ja, ich bin über die Jahre an dieser Aufgabe gewachsen. Die Schiedsrichterei ist nämlich eine Schule fürs Leben. Auftreten, Entscheidungen treffen und dazu stehen, Konflikte aushalten, mit Kritik umgehen – all das nimmt man mit, weit über den Platz hinaus. Talent ist zwar enorm wichtig, reicht allein aber nicht. Am Ende gewinnen immer Disziplin und Beharrlichkeit. All diese Lektionen helfen mir im Beruf und eigentlich überall im Alltag.
Zu den unausweichlichen Erfahrungen als Referee gehört es auch, Fehler zu machen …
… und mit ihnen umzugehen. In meinem zweiten Spiel in der Landesliga – ausgerechnet ein Derby – habe ich Mitte der ersten Halbzeit dem falschen Spieler eine Rote Karte gegeben. Das war zu allem Überfluss auch noch der Spielertrainer … Mein Assistent hat mich zum Glück darauf hingewiesen und ich konnte die Entscheidung korrigieren. Die restlichen 70 Minuten waren aber alles andere als cool. Doch was habe ich daraus gelernt? Die Konsequenzen meines Handelns zu tragen und wegen momentaner Rückschläge langfristige Ziele nicht über Bord zu werfen.
Welches waren deine bisherigen Highlights?
Jedes Spiel ist auf seine Weise aufregend, aber natürlich gibt es ganz besondere Erlebnisse. Etwa das Freundschaftsspiel zwischen der TSG Hoffenheim und dem FC Bayern, das 2023 in Mietingen, nur ein paar Kilometer südlich von meinem Heimatort, vor rund 4000 Zuschauern ausgetragen wurde. Da wurde auch für mein Umfeld mit einem Mal greifbar, dass ich als Schiedsrichterin einen erfolgreichen Weg eingeschlagen habe und gemeinsam mit den Top-Mannschaften auf dem Platz stehe. Meine ehemaligen Mitspielerinnen hatten mir immer wieder mal vorgehalten, dass ich als Kapitänin das Team verlassen habe. Nun aber standen sie mit Fanplakaten im Publikum. Das ging unter die Haut!
Und dein Debüt in der Frauen-Bundesliga?
Ja, zunächst 2022 in der 2. Liga in Ingolstadt: Das erste Mal in ein so großes Stadion einzulaufen, war die Erfüllung eines Kindheitstraums. Da musste ich schon mit den Tränen kämpfen. Und besonders emotional war dann im Dezember vergangenen Jahres meine Premiere in der 1. Frauen-Bundesliga in Freiburg. Da war meine ganze Familie dabei und ich stand gleichzeitig unter hohem Druck – ich musste mich hier ja erst noch für die 1. Liga beweisen.
Frauen in einer Männerdomäne sprechen oft davon, besser sein zu müssen …
Dass weiblichen Unparteiischen gegenüber noch Vorurteile existieren, erlebe ich vor allem in den unteren Ligen. Damit kann ich aber spielerisch sehr gut umgehen. Beim Allgäu-Derby des TSV Heimenkirch gegen den FV Rot-Weiß Weiler in der WFV-Landesliga vor knapp zwei Jahren hatte ich eine meiner Stammassistentinnen und meinen Freund im Gespann dabei. Alle sprachen nur mit ihm und erklärten ihm, wie mutig er sei, mit zwei Frauen so ein Spiel zu leiten. Beim Einlaufen fielen dann manchen Funktionären und Zuschauern fast die Augen aus dem Kopf, als sie sahen, dass ich den Ball in der Hand hatte. Solche Vorbehalte erledigen sich aber meist schnell, sobald das Spiel angepfiffen ist.
Wie hast du deinen Freund kennengelernt?
Bei einem Hallenturnier, also bei einem weiteren meiner Lieblingsspiele (lacht): Er war als Spieler mit einer meiner Entscheidungen gar nicht zufrieden, beschwerte sich lauthals, kam danach aber zur Turnierleitung, um sich bei mir zu entschuldigen. So sind wir ins Gespräch gekommen …
Im Juli traten auch einige Anpassungen des Regelwerks in Kraft. Wie ist deine Einschätzung dazu?
Die neuen Punkte finde ich allesamt positiv. Es geht hauptsächlich um mehr Nettospielzeit und ein flüssigeres Spiel. Nachdem vergangenes Jahr bereits die Acht-Sekunden-Regel für Torhüter eingeführt wurde, um das Zeitschinden zu unterbinden, können nun auch die Abläufe bei Einwürfen, Abstößen und beim Auswechseln beschleunigt werden. In meinen Begegnungen, die ich seither geleitet habe, hat das sehr gut funktioniert. Größten Respekt habe ich allerdings vor den Kolleginnen und Kollegen, die das ohne Assistenten an den Seitenlinien allein managen müssen.
Was hat es mit der Regelung auf sich, dass man jetzt Schmuck tragen darf?
Das Verbot war bisher nicht umsetzbar. Die eigenartigen Situationen, dass man angeflunkert wird und einem als Schiedsrichter gesagt wird, man habe sich das Ohrläppchen verletzt und trage daher ein Pflaster, sind damit vorbei.
Gibt es weitere Regeln, die du befürworten würdest?
Wir sind mit unserem Regelwerk sehr gut aufgestellt. Ich halte auch nichts von den viel diskutierten Zeitstrafen – mit ihnen kam ich bei Spielen im Bayerischen Fußball-Verband in Berührung, hatte aber nie das Gefühl, dass sie zur Deeskalation einer Situation beitragen können.
Wie schaut man als Schiri Fußballspiele?
Ich ertappe mich in der Tat immer wieder dabei, dass ich auch als Zuschauerin Kommentare gebe, als ob ich mit Headset selbst auf dem Platz stehen würde. «Weiter, weil Blau Einwurf hat» oder Ähnliches … Man eignet sich als Referee definitiv eine andere Perspektive auf Fußballspiele an.
Wie gehst du mit der Doppelbelastung Beruf und Hobby um?
Ich pfeife zwischen 50 und 60 Spiele pro Jahr, dazu kommen Training, Weiterbildungen, Spielanalysen, Anreisen. Umso dankbarer bin ich, dass mir meine Selbstständigkeit erlaubt, Termine so zu legen, wie es zu meinem Leben passt. Das ist zwar ein riesiger Spagat, der aber auch große Freude macht! Wenn die Sommerpause vorbei ist, werde ich schon ganz unruhig und freue mich, dass es endlich wieder losgeht.
Also mehr als ein Hobby? Eine Lebenseinstellung?
Fußball begleitet mich mein ganzes Leben. Und Fußball entfaltet bei mir seine riesige Kraft. Hätte man mich mit elf Jahren, als ich meinen Blutkrebs überstanden hatte, gefragt, ob ich mir vorstellen kann, einmal dort zu stehen, wo ich heute bin, wäre die Antwort ein klares Nein gewesen. Aber es lohnt sich eben, dranzubleiben! Mein Anspruch war immer, in jedem Moment mein Bestes zu geben – daraus entsteht dann ein großer Lebensweg. |