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Von Frank Schwaibold

Schwarzwald-Bodensee-Liga

Erinnerungen an die Schwarzwald-Bodensee-Liga

von Frank Schwaibold | Ausgerechnet Nordstrand! Hermann Ohlicher, der ehemalige Kapitän des VfB Stuttgart, scheint die Extreme zu lieben. Zumindest wenn es um die Geografie geht. Und er braucht ein gutes Klima und reichlich Wasser in seiner Nähe. Jetzt, im Ruhestand, hat es ihn ganz in den äußersten Norden von Deutschland verschlagen. Nach Nordstrand, ein Heilbad zum Durchatmen und Abschalten. Es ragt, eingezäunt von Halligen, ein Stück weit in die Nordsee hinein. 

In seiner Jugend wuchs Ohlicher im äußersten Süden von Baden-Württemberg auf. Beim SV Mochenwangen lernte er das Kicken. Der Bodensee war nicht fern. Als er zu den Aktiven kam, spielte er für den FV Ravensburg. Seine ersten Meriten erwarb er sich dort in der 1. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee. Das war in den 60er- und 70er-Jahren die dritthöchste Spielklasse in Deutschland, und Ohlicher erklärt im Rückblick: «Der Schritt war für mich enorm, aber es war mein Sprungbrett für die weitere Karriere.» Denn die Verbandstrainer des wfv hatten die Schwarzwald-Bodensee-Liga genau im Blick und rekrutierten aus ihr und der 1. Amateurliga Nordwürttemberg ihre Auswahlteams. Ohlicher war ehrgeizig und schaffte es in den wfv-Kader, trainierte in der Sportschule Ruit zusammen mit den Aalener Spitzenspielern Erwin Hadewicz und Helmut Dieterle, die später ebenfalls beim VfB landeten. 


Triumphe und Tragödien

Schon in Ravensburg erfuhr Ohlicher früh, dass Triumph und Tragödie im Sport oft nah beieinander liegen. Zweimal war er mit dem FV im Finale des Verbandspokals, und beide Endspiele fanden in Ravensburg statt. Doch der Heimvorteil hemmte das Team des heute 75-Jährigen mehr, als dass es die Spieler beflügelte. 1970/71 ging es gegen den VfL Sindelfingen ins Elfmeterschießen, nachdem Ohlicher noch mit dem Ausgleichstor zum 1:1 sein Team in die Nachspielzeit gerettet hatte. Doch im Elfmeterschießen blieben die Sindelfinger cool und gewannen schließlich mit 4:2. 

Ein Jahr später wiederholte sich das Drama. Dieses Mal hieß der Finalgegner VfR Aalen. Trotz einer 3:2-Pausenführung hatten die Ravensburger erneut das Nachsehen. Aalen drehte das Spiel in der zweiten Halbzeit und siegte am Ende mit 5:3. Ravensburg hatte damals eines der größten Hochhäuser in Württemberg. «Darin war schon alles vorbereitet zur Siegesfeier», erinnert sich Ohlicher. Doch gefeiert hatte am Ende wieder nur der Gegner. Es waren seine bittersten Stunden im Trikot des FVR.


Hohes Spielniveau, viele Zuschauer

Gegründet wurde die 1. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee im Juli 1960. Die Saison 1960/61 war dann die erste Spielzeit der gemeinsamen Spielklasse des Württembergischen und des Südbadischen Fußballverbands. Nach der Saison 1977/78,
als sie quasi «volljährig» geworden war, wurde die Schwarzwald-Bodensee-Liga wieder aufgelöst. Geprägt haben sie in den 18 Jahren ihres Bestehens Vereine wie der FC Tailfingen, der FV Ebingen, der FC Wangen, der FV Ravensburg oder der VfB Friedrichshafen. In den letzten Jahren ihres Bestehens hinterließ vor allem der SSV Reutlingen seine Spuren. 

Die Liga wurde zur Legende, nicht nur weil sie herausragende Spieler wie Hermann Ohlicher, die Tor­hüter Robert Kipper (FC Wangen) und Rolf Kirsch (SSV Reutlingen), den Tailfinger «Dauerbrenner» Gerd Wizemann und den späteren Bundesligaschiedsrichter Eugen Strigel hervorbrachte. Es standen auch Trainer wie der ehemalige DDR-Nationalspieler Herbert Rappsilber (FC Tailfingen) oder Rolf Schafstall (SSV Reutlingen) an der Seitenlinie. Ebenso sorgten die vielen hochklassigen Lokalderbys in der 1. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee immer wieder für Schlagzeilen. Fritz Göbel (75), der für den SSV Reutlingen mit der Nummer 6 auflief, erinnert sich gut: «Wir haben viel am Bodensee gespielt. Die Vereine dort waren damals sehr stark.» Auch gegen Hermann Ohlicher stand er auf dem Feld. «In Ravensburg ging immer die Post ab», sagt der ehemalige SSV-Kicker. 1000 Zuschauer und mehr waren keine Seltenheit. Dafür waren Duschen rar. «Es gab damals keine», erzählt Göbel und lacht. «Wir haben uns in Ravensburg nach dem Spiel am Zuber gewaschen.» Auch Gerd Wizemann, der mehr als 700-mal für den FC Tailfingen auf dem Platz stand, berichtet von besonderen Kabinenerlebnissen. «In Gottmadingen mussten wir, den Allerwertesten ins Handtuch eingewickelt, an den Zuschauern vorbei im Freien zu den Duschkabinen laufen.» 


Sprungbrett für Spieler und Trainer

SSV-Torhüter Rolf Kirsch freute sich besonders, wenn es nach Schwenningen ging. «Die hatten
damals schon eine schöne Flutlichtanlage», berichtet der 83-Jährige, den in Reutlingen alle nur «Kirsche» nennen. Rolf Schafstall, späterer Bundes­ligatrainer, hatte «Kirsche» 1973 vom Regional­ligisten Bayern Hof «nach Reutlingen gelotst». Schafstall und Kirsch, beide Kinder des Ruhrpotts, kannten sich von früher Jugend an. Als Reutlingen dann 1974 deutscher Amateurmeister wurde, hütete Kirsch zwar immer noch das Tor des SSV, Schafstall aber war zum MSV Duisburg weitergezogen. Dafür stand mit Jupp Becker ein neuer junger Trainer an der Seitenlinie des SSV. Gut zehn Jahre später trainierte er dann als Coach des SC Freiburg einen gewissen Jogi Löw. Aber das ist eine andere Geschichte. 


Die Sehnsucht nach goldenen Zeiten

Die Geschichten der legendären Spielklasse verewigte der Autor Gerhard Doll aus Lindau in einem dicken Wälzer. Doll kickte selbst für den SV Kressbronn, den FC Wacker Biberach und die SpVgg Lindau in der Schwarzwald-Bodensee-Liga und spielte diese 1. Amateurliga auf sage und schreibe 950 Seiten noch einmal nach. Das Werk über «die Sehnsucht nach goldenen Zeiten» sucht seinesgleichen. Allerdings geriet die Vorstellung des Buchs im Januar 2015 zur Tragödie. Unter den 150 Gästen waren auch viele ehemalige Spieler voller Vorfreude zur Präsentation auf persönliche Einladung von «Lee» Doll nach Langenargen gekommen. Der 65-Jährige hatte das mehrstündige Programm minutiös vorab geplant. Doch dann schlug das Schicksal zu: Doll starb am Abend vor der großen Veranstaltung an Herzversagen.

Auch Eugen Strigel denkt mit Trauer an jene dunkle Stunde zurück. Er war ebenfalls von Doll angefragt worden. Allerdings konnte Strigel nicht nach Lindau kommen, da er an der Sportschule Kaiserau bei einem Schiri-Lehrgang anwesend sein musste. Deshalb wollte Doll den Bundesligaschiedsrichter per Videokonferenz zuschalten, «doch er hat nicht angerufen», berichtet Strigel mit belegter Stimme. Für das Buch hatte der Balinger ein Extrakapitel über die Schiedsrichter geschrieben. 

Für den heute 75-jährigen Strigel war diese Liga ebenfalls eine wichtige Karrierestation. «Mit 22 Jahren bin ich in die 1. Amateurliga aufgestiegen», blickt der Unparteiische nicht ohne Stolz zurück. «Ich war damals der jüngste Schiedsrichter der Schwarzwald-Bodensee-Liga.» Gerd Wizemann erzählt mit einem Schmunzeln: «Der Eugen musste sich von mir einiges anhören. Ich war kein bequemer Spieler.» Doch solche Erfahrungen und die Herausforderungen bei den unzähligen hitzigen Lokalderbys hatten Strigel früh geprägt. «Ich bin von Anfang an akzeptiert worden», betont der pensionierte Bahn­experte. Denn eines ist sicher: Der Weg in die Bundes­liga wäre weder bei ihm noch bei Hermann Ohlicher ohne die Schwarzwald-Bodensee-Liga möglich gewesen. | Frank Schwaibold, Pliezhausen