Spielerisch für Vielfalt und Toleranz
Julius-Hirsch-Preis für innovatives Schulprojekt
von Maximilian Schröter | Im Dezember wurde in Hamburg zum 20. Mal der Julius-Hirsch-Preis verliehen. Die Auszeichnung des DFB erinnert an den deutsch-jüdischen Nationalspieler und ehrt Menschen, Initiativen und Vereine, die sich gegen Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus sowie für Vielfalt und Menschenwürde einsetzen. Den Preis erhielt dieses Mal ein Projekt des Ludwig-Marum-Gymnasiums in Pfinztal.
Julius Hirsch ist nicht nur Namensgeber des Wettbewerbs, er war zugleich auch Thema des 2025 ausgezeichneten Projekts: Am Ludwig-Marum-Gymnasium beschäftigte sich ein achtköpfiger Seminarkurs mit dem Leben des Fußballers. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des interdisziplinären Projekts erstellten eine «Julius-Hirsch-Eventbox», einen modularen, sofort nutzbaren Baukasten, der Schulen befähigt, niedrigschwellig und praxisnah Erinnerungskultur zu leben sowie Werte wie Vielfalt, Fairness und Toleranz sichtbar in den Schulalltag zu integrieren. Das von Lehrer Axel Weinbrecht initiierte und geleitete Projekt verbindet historische Aufarbeitung, Wertebildung und praktische Fußballformate.
«An unserer Schule gibt es die ‹Julius-Hirsch-Halle›, in der ich Sport unterrichte», berichtet Weinbrecht. «Ein Schriftzug und eine Tafel weisen auf die Person hin, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Schüler nicht wissen, wer Hirsch war und wofür er heute in unserer Gesellschaft steht.» Julius Hirsch wurde 1892 in Achern geboren und war ein prägender Offensivakteur u. a. für den Karlsruher FV. 1943 wurde er deportiert und schließlich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.
Bitte nachmachen!
Im Mittelpunkt des Seminarkurses stand der Gedanke, spielerisch und ohne erhobenen Zeigefinger über Julius Hirsch zu informieren und vor allem die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden zu lassen. Die Kursteilnehmer entwickelten eine Reihe von Aktivitäten und Spiele verschiedener Disziplinen bzw. für unterschiedliche Altersgruppen. Ein Memory mit Fakten zu Julius Hirsch ist in der Eventbox ebenso enthalten wie die Anleitung zu kleinen Fußball-Pausenspielen. Auch ein Leitfaden zu einer kurzen Theater-Performance, ein Rhetorik-Modul mit Tipps zum Aufbau von Reden und Strategien gegen Lampenfieber sowie ein Baukasten für ein komplettes «Julius-Hirsch-Soccer-Turnier» inklusive anpassbarer Regeln und Urkunden zum Ausdrucken sind Teil der Sammlung, die anderen Jugendlichen als Initialisierung für ihre eigenen Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden. Allen Inhalten gemeinsam ist, dass sie nachhaltig einen Beitrag zum Kampf gegen Ausgrenzung und Hass leisten sollen.
«Die Inhalte müssen nicht eins zu eins übernommen werden», erläutert Axel Weinbrecht. «Das Wichtigste ist, dass die Schüler selbst aktiv werden und den Freiraum bekommen, eigene Events zu entwickeln und durchzuführen.» Der Pädagoge weiß aus Erfahrung, dass für Schüler ein spielerischer Umgang gerade sperrige Inhalte wesentlich zugänglicher macht als einfach nur ein paar trockene Arbeitsblätter. «Auf diese Weise werden die Themen im Kopf mit Freude verbunden und die Schüler gleichzeitig zum Nachdenken angeregt.»
Sport als Gemeinschaftsstifter
Nachahmer sind also gern gesehen. Alle Unterlagen stehen auf der Homepage des Ludwig-Marum-Gymnasiums zum Download zur Verfügung. Ende Juni findet an der Schule ein Julius-Hirsch-Wochenende mit Fußballturnier statt, zu dem Kinder und Jugendliche einer Hamburger Schule ihren Besuch angekündigt haben. Für Weinbrecht ist genau diese Art von Vernetzung ein Kennzeichen der mit dem Preis ausgezeichneten Projekte: «So erzielt man eine große Außenwirkung und ist nicht nur Vorbild, sondern kann auch Impulse geben.»
Das sei es auch, was ihm am meisten Freude bereite: Wenn Schülerinnen und Schüler das in den Projekten Gelernte später wieder aufgreifen, sich weiter informieren und eigene Aktivitäten starten. «Das gibt mir eine positive Sicht auf die Zukunft», so Weinbrecht. Nach all dem Herzblut, das er in das Projekt gesteckt habe, sei die Auszeichnung natürlich befriedigend. Viel wichtiger sei ihm aber, etwas bewegen und junge Menschen erreichen zu können. «Die Jugend von heute ist das, was morgen in der Gesellschaft passiert», unterstreicht er die Bedeutung solcher Aktivitäten.
In der verbindenden Funktion des Sports sieht Weinbrecht dabei eine große Stärke: «Wo Athleten zusammenkommen, sprechen sie alle dieselbe Sprache – ob bei den Olympischen Spielen, bei einer Fußball-WM oder beim Schulturnier. Die Gemeinschaft, die dort entsteht, ist ein Nährboden für unsere Zukunft.» In einer Beispielrede, die die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer als Teil des Rhetorikmoduls der Eventbox entwickelt haben, heißt es: «Unterschiedliche Altersgruppen, verschiedene Hintergründe, bunt gemischte Teams – und doch spielen wir alle das gleiche Spiel. Wir kämpfen fair, wir feuern uns an, wir halten zusammen. Genau das ist der Geist von Vielfalt und Toleranz. Fußball ist für alle da!»
Freiraum geben – auch zum Scheitern
Gelohnt haben sich die Mühen für Axel Weinbrecht auf alle Fälle, allein schon deshalb, weil das Projekt zeigt, dass die Jugend heute zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt wird: «Es heißt immer, die Kids seien desinteressiert und zockten nur. Das stimmt nicht – man muss ihnen aber den Freiraum geben, selbst Dinge zu entwickeln und auch mal zu scheitern!» Der Pädagoge wirbt daher dafür, dass weitere Interessierte initiativ werden: «Der Blick in die Zukunft wird nämlich etwas einfacher, wenn jeder ein kleines bisschen macht.»
Damit dieser Impuls weitergetragen wird, geht der Blick aller am Wettbewerb Beteiligten nun wieder nach vorn: Die Bewerbungsphase für den diesjährigen Julius-Hirsch-Preis läuft von Mai bis Ende Juni. | Maximilian Schröter, München