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Von Maximilian Schröter

Die Nationalmannschaften Ü 70, Ü 75 und Ü 80

Mit 70+ auf Titeljagd

| Fußball ist Freiheit – auf dem Platz zu stehen, bedeutet, sich auszutoben, schwitzend dem Ball und dem Gegner hinterherzurennen. In jungen Jahren ist dies für viele unbeschwerter Teil des Lebens. «Mit 30 sieht man das als Selbstverständlichkeit, aber im Alter bekommt es eine andere Bedeutung», sagt Werner Schuhmacher. Der 70-Jährige muss es wissen – er ist Teil der deutschen Ü 70-Nationalmannschaft und fliegt mit ihr nächstes Jahr nach Aus­tralien, um an der Weltmeisterschaft teilzunehmen.

Schuhmacher ist mit Sport groß geworden und hat sein Leben lang Fußball gespielt – «allerdings im Freizeitbereich, maximal Bezirksklasse». Vergangenes Jahr erfuhr er zufällig über die Medien von der Ü 70-
­­Nationalmannschaft und nahm Kontakt auf. «Anschließend war ich bei einem Sichtungsspiel dabei und habe mich Schritt für Schritt in die Mannschaft hineingearbeitet», berichtet der Unternehmensberater. Auch sein Heimatverein VfR Achern aus dem SBFV-Bezirk Baden-Baden profitiert von der Aufmerksamkeit um seinen neuen Nationalspieler: Schuhmachers Konterfei hing auf Infoplakaten im Ort, zudem berichtete die Lokalzeitung über die Mannschaft.

Neben dem Ü 70-Nationalteam existieren auch noch Ü 75- und Ü 80-Mannschaften, alle organisiert durch den Verein «Fußball 70plus Deutschland», der sich zum Ziel gesetzt hat, den Fußball im hohen Alter sichtbarer zu machen und ältere Menschen zur Bewegung zu motivieren. Die Altersgrenze ist dabei nur nach unten definiert – ein 82-Jähriger dürfte also auch in der Ü 70-Mannschaft mitspielen. Weil Torhüter besonders gefragt sind, dürfen sie zwei Jahre jünger sein als die übrigen Spieler. Die Mannschaften sind allerdings keine offiziellen DFB-Nationalteams. Der Deutsche Fußball-Bund und die FIFA unterstützen die Teams nicht.


Ziel: Ü 75-Titelverteidigung in Australien

Der Stuttgarter Günter Leonhardt gehört aufgrund seines Geburtsjahrs 1951 seit diesem Jahr zum Kreis der Ü 75-Spieler. «Zum Fußball bin ich gekommen, weil es in meinem Heimatdorf Rieschweiler eine überragend gute Jugendmannschaft aus dem Jahrgang 1951/52 gab», erklärt der Architekt. Leonhardt spielte in der ersten Mannschaft der SG Rieschweiler, bis sein Studium keine Zeit mehr dafür ließ. Doch in späteren Jahren flammte seine Fußballleidenschaft wieder auf, er kickte in diversen Mannschaften, spielt heute bei der Sportvg Feuerbach und ist stolz, die Kader aller deutschen Weltmeisterschaftsmannschaften ab 1954 auswendig aufzählen zu können.

In der Ü 75-Mannschaft spielt er als linker Verteidiger, auch wenn er wegen Verletzungen seiner Mitspieler öfter auf andere Positionen rückt. Die körperliche Anfälligkeit ist ein Thema, das den Fußball im Alter vom Fußball in jungen Jahren unterscheidet. «Wenn wir bei einer Weltmeisterschaft mehrere Spiele innerhalb weniger Tage haben, brauchen wir einen sehr ausgeglichenen Kader», erklärt Schuhmacher. «Man muss viel mehr wechseln, einfach damit die Leute durchhalten.»

Auch das Regelwerk unterscheidet sich vom «normalen» Fußball: Es darf unbegrenzt gewechselt werden; die Ü 75- und Ü 80-Mannschaften spielen zudem auf dem Kleinfeld mit sieben Feldspielern plus Torwart, es gibt kein Abseits und Kleinfeldtore wie beim Jugendfußball. Gespielt wird zweimal 30 Minuten. Auch Frauen können in den Altersklassen antreten: Pro Team sind maximal zwei Spielerinnen zugelassen, die bis zu zehn Jahre jünger sein dürfen als ihre männlichen Mitspieler.

Zudem soll körperlos gespielt werden – Leonhardt hat aber die Erfahrung gemacht, «dass dies zumindest die britischen Mannschaften völlig ignorieren. Die Engländer und die Waliser, die gehen drauf wie die Verrückten.» Das musste er am 30. Juli am eigenen Leib erfahren, als das deutsche Ü 75-Team in Manchester gegen die Engländer spielte – genau 60 Jahre nach dem WM-Finale zwischen Deutschland und England im Wembley-Stadion. «Wir waren so überlegen, dass es leicht war, die Abwehr hinten zusammenzuhalten», erinnert sich Leonhardt. Trotzdem stand es nach den hier gespielten 90 Minuten 0:0, am Ende verloren die Deutschen 3:2 nach Elfmeterschießen. Die Revanche für das verlorene Finale vor 60 Jahren blieb also aus. An den 30. Juli 1966 erinnert sich Leonhardt heute noch im Detail: «Wir waren die Einzigen in der Straße, die einen Fernseher zu Hause hatten. Dementsprechend war unser Wohnzimmer auf dem Bauernhof komplett voll. Die Leute mussten alle eigene Stühle mitbringen.»

Im Oktober geht es für alle drei Ü-Mannschaften zur Weltmeisterschaft nach Brisbane in Australien. «Da wir über ganz Deutschland verteilt sind, können wir nicht durchgehend gemeinsam trainieren», berichtet Schuhmacher von den Vorbereitungen. Etwa alle sechs bis acht Wochen kommen die Teams für zwei oder drei Tage zusammen, ansonsten muss jeder selbst darauf achten, seine Fitness aufrechtzuerhalten.

Das gemeinsame Training findet meist auf dem Gelände kleinerer Vereine statt. Der Trainer der Ü 75-Mannschaft, Ottmar Jurkeit, ist zwar noch einige Jahre jünger als seine Spieler, «er findet aber die richtige Sprache und hat uns zu einer Mannschaft zusammengeführt», so Leonhardt. 2025 holte die Ü 75 in Tokio den Weltmeistertitel und gehört auch 2026 zu den Favoriten. Die WM findet grundsätzlich jedes Jahr statt – «schließlich hat man im Alter nicht mehr den Luxus, vier Jahre bis zum nächsten Turnier warten zu können …» Bei den Titelchancen der Ü 70 gibt sich Schuhmacher realistisch: «Wir müssen an der Leistungsdichte nach oben noch etwas ändern, vor allem im Sturm.»


Mit Stickeralbum zur Saisonfinanzierung

Für ein Turnier um die ganze Welt zu reisen, ist nicht nur ein großes Abenteuer, sondern auch eine teure Angelegenheit. «Wir zahlen bei unseren Reisen alles aus der eigenen Tasche – Flüge und Unterkunft», erklärt Leonhardt. Für die Reise nach Australien seien das mindestens 3000 Euro pro Person. Der Architekt wünscht sich einen Großsponsor, der zumindest die Reisekosten übernehmen würde – auch weil es dann leichter wäre, neue Mitglieder für die Mannschaften zu gewinnen. Der Trägerverein Fußball 70plus Deutschland vermarktet zwar seine Ü-Teams – beispielsweise durch den Verkauf eines offiziellen Stickeralbums –, doch kommt hiermit bei Weitem nicht genug Geld zusammen, um die Kosten zu decken.

Das Problem liegt für Leonhardt und Schuhmacher aber nicht allein beim Budget. Seit ungefähr zehn Jahren sind die Teams privat organisiert – die Strukturen im Hintergrund sind entsprechend noch nicht professionell. Die Spieler wollen das ändern. «Ich kann mir vorstellen, dass dieser Bereich irgendwann ähnlich professionalisiert sein wird wie U 18-, U 20- oder U 21-Bereiche – oder wie es bei den Frauen war, die ja auch lange unter dem Radar blieben», sagt Schuhmacher optimistisch. Dabei denkt er den Fußball im hohen Alter noch weiter: «Ich glaube, dass das Thema ‹Longevity› ein integraler Bestandteil des Fußballs werden kann.» Die Organisation solle künftig nicht mehr von Einzelpersonen abhängen, so Leonhardt, der sich auch eine Stiftung als Träger vorstellen kann – zumindest als Übergangslösung. «Letztendlich wünsche ich mir, dass wir als offizielle DFB-Mannschaften auftreten.»


Nachwuchssorgen

2027 soll die Europameisterschaft in Deutschland stattfinden. Bei der Organisation können die Spieler auf ihre jahrzehntelange Berufserfahrung zurückgreifen. Leonhardt hatte mit seinem Architekturbüro ständig fünf bis zehn vollkommen unterschiedliche Projekte gleichzeitig am Laufen. «Das ist eine gute Grundlage, um auch so ein Turnier auf die Beine zu stellen», sagt er selbstsicher.

Auch die Suche nach Nachwuchs ist noch nicht professionell aufgebaut. «Das läuft bislang nach dem Prinzip ‹Ich kenne jemanden, den frage ich mal›», so Schuhmacher. Bei der EM vergangenen Juni in Wales verpasste die deutsche Ü 75-Mannschaft den Titel, weil ihr ein Torhüter fehlte. «Wir haben einen Feldspieler ins Tor gestellt, dann zwar die meisten Tore geschossen, aber auch die meisten kassiert», klagt Leonhardt, der sich auf der Suche nach Torwartkandidaten auch an ehemalige Profis aus dem Stuttgarter Raum wandte. «Die mussten aber alle wegen künstlicher Hüften absagen …» Inzwischen sei aber Bewegung ins Thema gekommen.

Bei allen organisatorischen und gesundheitlichen Schwierigkeiten, die der Sport im hohen Alter mit sich bringt, wird deutlich, dass sich die Perspektive auf den Fußball mit zunehmendem Alter verändert. «Von meiner ehemaligen C-Jugend leben nur noch sechs von elf Spielern», berichtet Leonhardt. Für ihn ist das eine Erinnerung daran, was keineswegs selbstverständlich ist: «Das macht einem bewusst, dass es ein besonderes Glück ist, in diesem Alter noch laufen, spielen und reisen zu können. Das nehme ich mit Demut auf.» | Maximilian Schröter, München