Von Fabian Diehr
Sichtbarkeit statt Sonderbehandlung
Frauen im Ehrenamt
| Ohne Ehrenamtliche stünde der Amateurfußball still: Sie leiten Trainings, pfeifen Spiele, organisieren Vereinsleben – die Strukturen, auf denen der Sport aufbaut, würden ohne sie schlicht nicht funktionieren. Umso mehr fällt auf, wie wenige Frauen auch heute noch in diesen Rollen zu finden sind. Doch das Bild vom Fußball als reine Männersache verändert sich. «Als ich als Trainerin in der E-Jugend angefangen habe, haben sich die Eltern darüber gewundert, dass eine Frau das macht. Seitdem hat sich das komplett geändert», berichtet Sabrina Suhr. Die 49-Jährige ist seit fast 20 Jahren als Kreis-Mädchenbeauftragte im bfv-Fußballkreis Mosbach tätig.
Andere Ehrenamtlerinnen stimmen ihr zu. «In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat sich etwas verändert. Wir haben in allen Bereichen im Fußball mehr Frauen – vor allem bei den Trainerinnen und Schiedsrichterinnen», sagt Celina Vath, 22 Jahre alt und ehrenamtlich beim bfv als Beauftragte für Frauen- und Mädchenfußball im Kreis Buchen tätig. Der bfv hat sich 2025 hierzu sogar ein konkretes Ziel gesetzt: Bis 2028 sollen 25 Prozent mehr Trainerinnen, Spielerinnen, Funktionärinnen und Schiedsrichterinnen im Verband aktiv sein. Es tut sich also etwas, auch wenn Männer noch deutlich in der Überzahl sind. Vath sieht dies als hohe Einstiegshürde, als Hindernis für Mädchen und Frauen – schließlich sei der Großteil der Ämter von Männern besetzt. «Zu Beginn müssen sich Frauen erst einmal beweisen, aber wenn sie sich dann etabliert haben, lösen sich Vorurteile meistens schnell auf», stellt die engagierte Funktionärin fest.
Bis hin zur selbstverständlichen Integration von Frauen in alle Bereiche des Fußballbetriebs ist es trotz aller schon erreichten Fortschritte jedoch noch ein langer Weg. Spezielle Programme können helfen, sind aber kein Allheilmittel. Natascha Böttcher, Frauen- und Mädchentrainerin beim SSC Donaueschingen, Mädchenreferentin des SBFV-Bezirks Schwarzwald und Mitglied des Verbandsausschusses für Frauen- und Mädchenfußball, plädiert daher auch weniger für Quoten als für ein «gesundes Maß»: «Wir Frauen haben genauso Interesse am Fußball wie Männer – das muss klar werden, dann muss man Frauen auch nicht im Sinne einer Sonderbehandlung in den Vordergrund stellen.»
Sichtbarkeit statt Sonderbehandlung
Trotzdem sind noch Maßnahmen zur Förderung von Frauen nötig – darin sind sich alle einig. Mit der Kampagne «emPower her game» will der bfv gezielt Mädchen und Frauen für alle Bereiche des Fußballs gewinnen. Der WFV wiederum setzt mit seiner Strategie #wiralsteam einen klaren Schwerpunkt auf die nachhaltige Förderung von Frauen und Mädchen. Mit «Girls kick it» starteten alle drei baden-württembergischen Verbände vor vier Jahren eine Social-Media-Kampagne, um mehr Frauen und Mädchen für den Fußball zu begeistern.
Neben solchen Kampagnen zeigt sich Wirkung aber auch im Kleinen: Jede Frau, die sich im Fußball etabliert hat, ist selbst ein Vorbild für nachfolgende Generationen. Ann Katrin Schilling und ihre Schwester Jennifer sind seit vielen Jahren ehrenamtlich aktiv – nicht nur im Fußball. Beim SV Rangendingen sind sie seit fast zehn Jahren als Schiedsrichterinnen aktiv, darüber hinaus als Jugend-Einteilerinnen innerhalb der WFV-Schiedsrichtergruppe Zollern. «Wir sehen uns auf jeden Fall als Vorbilder», sagt Ann Katrin Schilling. «In der Schiedsrichtergruppe unterstützen wir die Mädels, sind als Patinnen aktiv und begleiten sie zu Spielen. Gerade bei unseren jungen Unparteiischen merken wir, dass ihnen Selbstvertrauen fehlt. Das gewinnt man erst durch Erfahrung.» Genau diesen Weg selbst immer weiterzugeben, sei ein zentraler Teil ihrer Vorbildfunktion.
Dass solche Mentoren bei jungen Mädchen etwas bewirken können, bestätigt Natascha Böttcher: «Schon vier Mädchen haben zu mir gesagt, dass sie auch einmal Trainerinnen werden wollen, weil
sie es cool finden, wie ich das mache.» Auch Vath hält Präsenz für entscheidend: «Es ist einfach wichtig, am Wochenende bei Spielen vorbeizuschauen, damit die Mädels sehen, dass es nicht nur Männer in Funktionärspositionen gibt.»
Leider ist es Realität, dass eine Frau immer noch dumme Kommentare und abwertende Sprüche über sich ergehen lassen muss, wenn sie als Spielerin, Schiedsrichterin oder Trainerin auf dem Platz steht. Auch dabei ist die Zeit aber nicht stehen geblieben: «Heute wehren sich immer mehr Leute, wenn solche Kommentare kommen», so Vath. Dass mit den Zuschauenden auch mal die Emotionen durchgehen, muss aber gar kein schlechtes Zeichen sein, findet Jennifer Schilling. «Manchmal beruhigt es mich sogar, wenn sie laut werden», sagt sie. «Schließlich schreien sie bei den Männern genauso und bringen auch da Sprüche, die unter die Gürtellinie gehen.»
Anerkennung als Motivation
Es gehört zum Wesen eines Ehrenamts, dass dieses nicht mit Geld entlohnt wird. Sabrina Suhr: «Es gilt einfach, mit sich selbst zufrieden zu sein und dies auch nach außen zu tragen.» Von der eigenen Arbeit erfüllt zu sein, erleichtere es, andere Menschen zu erreichen und in ihnen ebenfalls die Lust auf ein Ehrenamt zu wecken, erklärt Jennifer Schilling. Die Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit auf nichtfinanziellem Wege erscheint umso schwerer. «Ich möchte für meine Arbeit einfach auch mal gelobt werden, wenn etwas gut läuft», sagt ihre Schwester Ann Katrin. «Ich brauche keine Preise, wichtig ist mir ein respektvoller Umgang, und dass nicht nur Kritik geäußert wird.» Dass diese Anerkennung gar nicht in Form großer Auszeichnungen daherkommen muss, stellt Suhr klar: «Es reicht oft einfach ein Dankeschön!»
Die Ausübung eines Ehrenamts bedeutet in jedem Fall, die eigene Zeit und Energie zu investieren. Ist das für Frauen noch schwieriger als für Männer – schließlich sind es immer noch überwiegend sie, die sich um Haushalt und Kinder kümmern? Auch dies hat sich jedoch zu ändern begonnen. «Ich habe Teamkolleginnen, die regelmäßig trainieren können, weil ihre Partner in dieser Zeit die Kinder betreuen», berichtet Vath. Wie wichtig eine gleichberechtigte Aufgabenteilung daheim ist, betont auch Suhr: «Ich könnte mein Ehrenamt nicht ausüben, wenn mein Mann diesen Weg nicht mit mir gehen würde.»
Obwohl alle fünf Frauen einen erheblichen Teil ihrer Freizeit ins Ehrenamt investieren, sprechen sie nicht von Verzicht, sondern betonen den emotionalen Lohn, den ihnen diese Tätigkeit gibt. «Man muss diese Arbeit wirklich fühlen», erzählt Böttcher – nur so könne man gegenüber den Kindern authentisch sein.
Wer viel gibt, bekommt meistens auch viel zurück und erfährt, wie es sich anfühlt, etwas zu bewegen. «Anpacken, Verantwortung übernehmen und Frauen und Mädchen in den Teamsport bringen – dieses aktive Mitgestalten ist es, was mich antreibt», bringt Suhr ihre Motivation auf den Punkt. Das Wichtigste sei, Menschen eine gute Zeit zu ermöglichen und sie zu unterstützen, sagt Ann Katrin Schilling. Der Lohn der Mühen ist für alle fünf die Entwicklung, die sowohl einzelne ihrer Schützlinge als auch der Frauenfußball insgesamt genommen haben. «Wenn man am Wochenende auf dem Sportplatz steht und sieht, wie die Mädels spielen, und sich bewusst macht, was sich da in den vergangenen Jahren getan hat, ist das ein gigantisches Gefühl!», sagt Celina Vath und lächelt zufrieden.
Damit auch junge Mädchen früh erfahren, dass sich ein Ehrenamt lohnt, brauchen sie Leitfiguren – aber auch ganz praktische Signale von den Vereinen selbst. Wer über einen Mangel an Jugendtrainern klagt, sollte nicht nur Väter, sondern genauso gezielt Mütter ansprechen. Der Weg zu einer echten Selbstverständlichkeit von Frauen in allen Bereichen des Fußballs mag noch lang sein. Frauen wie die hier vorgestellten zeigen aber schon heute, wohin er führen kann. Dabei sollte allen klar sein: Engagement kennt kein Geschlecht. Und je mehr Vereine diese Position sichtbar machen und wertschätzen, desto leichter fällt es Mädchen und Frauen, den ersten Schritt ins Ehrenamt zu gehen. | Fabian Diehr, München