Jahr der Schule
Gemeinsam Kinder in Bewegung bringen
| Laut Empfehlung der WHO sollen sich Kinder jeden Tag mindestens eine Stunde lang bewegen. Nach Angaben des Deutschen Sportlehrerverbands verfehlen allerdings 75 Prozent der Grundschulkinder diese Vorgabe. Die Folgen des Bewegungsmangels sind gravierend: Laut einer Krankenkassenstudie leiden derzeit in Deutschland 300 000 Schülerinnen und Schüler zwischen 6 und 18 Jahren unter motorischen Entwicklungsstörungen – 64 Prozent mehr als noch 2008. Sport trägt nicht nur zur körperlichen und mentalen Gesundheit bei, gerade im Mannschaftssport lernen Kinder auch, fair miteinander umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte zu lösen. Dennoch wird Sport im Bildungsdiskurs oft als Nebensache behandelt.
Genau hier wollen der DFB und seine Landesverbände nun gegensteuern. Mit der bundesweiten Initiative «Jahr der Schule» rücken sie für die Saison 2025/26 eine Offensive für den Schulsport in den Fokus. Ziel ist es, mehr Sport und Bewegung in den Schulalltag zu bringen – etwa durch niedrigschwellige Angebote, die Kindern den Einstieg in den organisierten Fußball erleichtern sollen. Speziell Mädchen sollen dabei für den Fußball gewonnen werden.
Die Brücke zum Schulhof
Die Vereine nehmen bei dieser Schulsportwende eine Schlüsselrolle ein. Um sie optimal vorzubereiten, setzen die Verbände direkt an der Basis an. An der Sportschule Ruit wurden Anfang des Jahres 22 Schülerinnen und Schüler vom wfv in 40 Unterrichtseinheiten zu DFB-Junior-Coaches ausgebildet. Auch der bfv bot 2026 in der Sportschule Schöneck einen Junior-Coach-Lehrgang für den Trainernachwuchs an. Für die 16 Teilnehmenden standen dabei jeweils theoretische Inhalte, aber auch der direkte Transfer in die Praxis im Mittelpunkt: In zahlreichen Einheiten nach dem Prinzip «Aktivieren – Spielen – Üben – Spielen» konnten die angehenden Coaches selbst erleben, wie modernes Kindertraining – auch mit Fokus Schulsport – gestaltet wird. Die Lehrgangsteilnehmer entwickelten eigene Trainingseinheiten, führten diese durch und reflektierten sie gemeinsam. Auch neue Spielformen im Kinderfußball sowie die Organisation von Turnierformaten wurden praxisnah vermittelt. Beim zweiten Lehrgangsteil im März konnten die angehenden Trainerinnen und Trainer ihre Fähigkeiten bereits im realen Umfeld unter Beweis stellen.
«Die Gemeinschaft im Lehrgang war super und ich konnte neue Freundschaften schließen», berichtet Ben Maier vom FC Nöttingen. «Wichtig war für mich die Verknüpfung von Theorie und Praxis – jetzt kann ich die Übungen, die ich bisher gemacht habe, besser verstehen und auch Entscheidungen von Trainern im eigenen Verein besser nachvollziehen.»
Doch nicht nur der Trainernachwuchs wurde geschult – auch die Lehrkräfte selbst rücken in den Fokus: Mit dem Jahr der Schule legt der DFB in diesem Jahr einen Schwerpunkt darauf, Schulen und Vereine enger zu verknüpfen. Auftakt der bundesweiten Aktion war im Februar eine Fortbildung, zu der über 300 Lehrerinnen und Lehrer in die Porsche-Arena nach Stuttgart kamen, um praxisnahe Ansätze direkt in den Schulalltag zu tragen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten etwa die neue «Trainingsphilosophie Deutschland» mit ihrer «Schule des Kleinfeldfußballs» kennen. Dabei wird im 3-gegen-3-Format auf kleinen Feldern gespielt, wodurch den Kindern viele Ballkontakte garantiert sind und alle ständig in Bewegung bleiben. Die in der Fortbildung erlernten Konzepte sind nicht nur in der Vereinsarbeit, sondern auch an Schulen einfach umsetzbar.
Dass sich diese Konzepte tatsächlich bewähren, beweist ein konkretes Beispiel aus dem Landkreis Tübingen: Dort haben der TSV Ofterdingen und die Burghof-Schule gemeinsam eine Ballspiel-AG ins Leben gerufen. Für die Schule ist dies ein echter Gewinn, da ab dem kommenden Schuljahr eine gesetzliche Pflicht zur Ganztagsbetreuung besteht und dringend qualifizierte Bewegungsangebote benötigt werden. Der Verein wiederum erhöht damit seine Sichtbarkeit. Das neu etablierte Bewegungsangebot ist inzwischen fest im Schulalltag verankert. AG-Leiter und TSV-Vorstand Patrick Sommer beschreibt die Win-win-Situation folgendermaßen: «Die Schule gewinnt ein verlässliches Angebot, für den TSV ist die AG eine Investition in die Zukunft des Vereinslebens.»
So vielversprechend diese Projekte sind, es zeigt sich stets: Schule-Verein-Kooperationen brauchen Zeit, Engagement und regelmäßigen Austausch – übrigens auch mit der Gemeinde, beispielsweise für räumliche Ressourcen. Denn ob Hallenzeiten, Personal oder Abläufe im Schulalltag – nicht alles läuft von Anfang an glatt. Doch genau diese Erfahrungen machen beispielsweise das Pilotprojekt in Ofterdingen so wertvoll. «Zu Beginn der AG gab es natürlich auch organisatorische Herausforderungen: Anschreiben an die Eltern, viel Koordination und Abstimmung. Aber auch diese Schwierigkeiten lassen sich meistern und man lernt daraus», berichtet Sommer. «Wir planen, das Pilotprojekt der Ballspiel-AG nun dauerhaft als Angebot in der Burghof-Schule zu etablieren. Dafür bekommen wir vom DFB ein Materialpaket und können das Angebot im Rahmen des DFB-Punktespiels anrechnen lassen.»
Zusammenarbeit eröffnet neue Möglichkeiten
In der Kooperation mit Schulen ergeben sich also neue Möglichkeiten für beide Seiten. Die Schulen können ihr außerunterrichtliches Angebot mit Sport aufwerten, die Vereine finden unmittelbar dort Anschluss, wo ihre Mitglieder von morgen zu finden sind. Und den Kindern tut nicht nur die Bewegung gut, sie lernen in den Vereinen auch fürs Leben.
Um die Verknüpfung von Schule und Verein zu unterstützen, stellt der SBFV passend zur anstehenden Weltmeisterschaft auf seiner Website ein kostenloses Schulmaterial-Set zur Verfügung, das Lehrkräfte insbesondere im Grundschulbereich dabei unterstützt, Fußball spielerisch in den Unterricht zu integrieren und Schülerinnen und Schüler für die Bewegung (am Ball) zu begeistern. Am Gymnasium am Romäusring in Villingen-Schwenningen ist man bei der Ausbildung von Nachwuchskräften schon weiter: Als konstantes, wiederkehrendes Element absolvieren Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen jedes Jahr die Ausbildung zum DFB-Junior-Coach. Von den hier gesammelten Erfahrungen profitieren viele umliegende Vereine, die regelmäßig auf engagierte junge Ehrenamtliche zurückgreifen können.
Einer davon ist der FC Pfaffenweiler, der seit Jahren eng mit dem Gymnasium am Romäusring zusammenarbeitet. Gemeinsam wurde ein vielfältiges Angebot entwickelt, das über den klassischen Sportunterricht hinausreicht. Mitte Mai fand in Pfaffenweiler etwa der «Tag des Mädchenfußballs» mit 75 Teilnehmerinnen statt, die auf Rasen-, Kunstrasen- und Beachsoccerfeldern Fußball in unterschiedlichen Formen erleben konnten. Organisiert wurde der Aktionstag gemeinsam von Schule und Verein mit dem SBFV – unterstützt von über 20 Schülerinnen und Schülern des Profilfachs «Sport und Gesellschaft», die hier nach Abschluss der Junior-Coach-Ausbildung ihre Rolle als angehende Co-Trainerinnen und Co-Trainer direkt in der Praxis erprobten.
Von der Schulbank zum aktiven Gestalter im Verein
In den vergangenen Jahren ist die Kooperation vielfältig erweitert worden: Schiedsrichterausbildungen zum DFB-Junior-Referee oder DFB-Junior-Manager-Kurse gehören inzwischen ebenso zum Angebot wie Projekte, in denen Jugendliche eigene Ideen entwickeln und im Vereinskontext umsetzen. Dabei reicht die Bandbreite von Schulturnieren mit Grundschulen bis hin zu Spendenaktionen oder der Neugestaltung von Vereinsbereichen. Immer geht es auch um den Perspektivwechsel – von der Schulbank zum aktiven Gestalter im Verein.
«Durch die enge Verzahnung von Schule und Verein entstehen für Kinder und Jugendliche viele Gelegenheiten, sich praktisch auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen. Diese Bildungs- und Entwicklungschancen gehen weit über das Klassenzimmer hinaus – mit gemeinsamer Bewegung als zentralem Bestandteil», erklärt Tobias Hummler, der als Lehrer und Teil der Schulleitung am Gymnasium am Romäusring sowie als langjähriger C-Jugend-Trainer beim FC Pfaffenweiler beide Seiten des Systems genau kennt und daher eine zentrale Rolle in dieser Verbindung spielt.
Darüber hinaus kommen Trainerinnen und Trainer in Südbaden mit dem SBFV-Mädchenmobil direkt an Grundschulen. Mit kostenfreien Trainingseinheiten bieten sie dort in einem DFB-Pilotprojekt spielerisch Impulse an, die einen leichten Zugang zum Fußball ermöglichen sollen.
Mehr Sport an Schulen als gesellschaftliche Aufgabe
Zu den weiteren Aktionen des «Jahrs der Schule» gehörten ein bundesweiter Aktionstag am 1. Oktober oder das Programm «Gemeinsam am Ball», mit dem Fußball-AGs im Rahmen von Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen gefördert werden. Der DFB und seine Landesverbände bieten praxisnahe, kostenfreie Fortbildungen für Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher an; in speziell konzipierten «Only Girls»-Formaten können Mädchen Lehrgänge wie den Junior-Coach oder Junior-Referee unter sich absolvieren. Zudem soll das Jahr der Schule wieder in Frankfurt ankommen, wo im September erstmalig der DFB-Schul-Cup, also die deutsche U13-Schulfußballmeisterschaft, im Rahmen von «Jugend trainiert» auf dem DFB-Campus ausgetragen wird.
Dass das Jahr der Schule den Nerv der Zeit trifft, zeigt die deutschlandweite Umfrage im Amateurfußball-Barometer zum Thema Schulfußball, an der im vergangenen Jahr knapp 4000 Personen teilgenommen haben. 83 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler und 94 Prozent der Lehrkräfte halten demnach eine Offensive für mehr Sport und Bewegung an Schulen in Deutschland für nötig. Auch die Idee einer täglichen Sport- und Bewegungsstunde an Schulen findet breite Unterstützung: 87,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler, 88,8 Prozent der Erziehungsberechtigten und 90,5 Prozent der Lehrer sprechen sich dafür aus. Die große Zustimmung zeigt: Mehr Sport an Schulen ist längst keine Randforderung mehr, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Richtung scheint jedenfalls klar. Wenn Vereine und Schulen gemeinsam anpfeifen, gewinnen am Ende alle – vor allem aber die Kinder. | ms