Von Larissa Renz
Videosysteme im Fußball
Der Geist bleibt, die KI kommt
von Larissa Renz | Die Fußballverbände in Baden-Württemberg werben mit Angeboten, um Vereinen den Zugang zu KI-Tools finanziell zu erleichtern. Doch warum? Und welche Veränderungen bringen diese Anwendungen mit sich?
Verwackelte, unscharfe Handybilder mit brüchigem Ton – «das waren so die ersten Gehversuche», erinnert sich Heiner Baumeister, Abteilungsleiter Kommunikation beim wfv, mit einem Lächeln, «mobile Aufzeichnungen von Spielen im Lokalsport waren früher einfach sehr aufwendig und die Aufnahmen qualitativ nicht geeignet für die Zwecke, für die sie heute genutzt werden.» Arne Bauer und Matthias Rudolf, beide ebenfalls Mitarbeiter des wfv, nicken zustimmend. Kameras und KI-Systeme, die inzwischen selbst auf den Sportplätzen kleinster Vereine und in unteren Ligen anzutreffen sind, ermöglichen Analysen, die denen im Profibereich nur wenig nachstehen.
Die Anschaffung überlassen die drei baden-württembergischen Fußballverbände im Großen und Ganzen den Vereinen, in den vergangenen fünf Jahren starteten der bfv, der SBFV und der wfv jedoch
jeweils Partnerschaften mit dem dänischen Systemanbieter Veo. So unterstützen die Verbände mit
diversen Angeboten und Rabatten Vereine bei ihrer technischen Aufrüstung an der Seitenlinie. Doch warum werden solche Kooperationen angeboten? Welche Vorteile sehen die Verantwortlichen in diesen Systemen für den lokalen Sport? Und mit welchen Herausforderungen für die Fußballvereine sind sie verbunden?
Kaum Kritik an der Technik?
Finanzielle Hürden, wie sie die drei wfv-Mitarbeiter noch vor einigen Jahren beobachtet haben, sind auch unabhängig von Preisnachlässen, die aus Kooperationen resultieren, kaum mehr vorhanden. Ein Ungleichgewicht zwischen finanziell stärker und schwächer aufgestellten Vereinen ist daher keine Befürchtung, die im Raum steht. «Das ist aber ganz klar ein Thema, das aus dem Profibereich gekommen ist. Wie in vielen Sachen der Infrastruktur oder Ausrüstung findet die Entwicklung von oben nach unten statt», führt Baumeister aus. Als Unterstützung für Trainer und Spieler sind KI-Tools aus Sicht der Verbände ein guter, wichtiger Schritt der Professionalisierung. Daher ergreifen sie die Chance, um Vereinen den Zugang zur Technik zu erleichtern.
Viele Clubs sind bereits überzeugt, das Feedback ist positiv. «Das ermöglicht es uns, in taktischen Besprechungen viel konkreter zu sein», merkt Arne Bauer an, der auch Spielertrainer der Sportfreunde Kayh in der Kreisliga B ist. Ebenfalls Spielertrainer ist Dominik Bernecker beim TSV Auerbach. Der 37-Jährige nutzt für seine Arbeit in der Kreisklasse A Karlsruhe auch ein Kamerasystem: «Wir nehmen unsere Test- und Saisonspiele auf und entscheiden situativ, ob wir im Rahmen einer kurzen Videoanalyse Spielszenen nachbetrachten.» Der gezielte Einsatz von Videoanalyse helfe grundsätzlich dabei, bei Spielern ein besseres Verständnis für taktische Inhalte zu schaffen. Verbesserungswürdige, aber auch gute Aktionen im Spiel können aus einer anderen Perspektive reflektiert werden und Lösungsoptionen bei Bedarf gemeinsam erarbeitet werden. «Die besprochenen Inhalte fließen anschließend in das Training unter der Woche auf dem Platz ein», so Bernecker.
Auf der anderen Seite sei unübersehbar, dass gerade jüngere Spieler großes Interesse an den Videos haben, so Bauer, da sie Clips gelungener Aktionen oder ihrer Tore gern auf den sozialen Medien teilen. Nur um die sportliche Weiterentwicklung gehe es dann nicht. Das unterstreicht auch wfv-Verbandssportlehrer Dr. Michael Stügelmaier: «Nach jedem Spiel oder Lehrgang ist die erste Frage: ‹Könnt ihr das Video mit uns teilen?› Wir stellen dann Tore und Highlights in der Regel direkt in die Gruppe, das bestärkt die Jungs und Mädels ungemein.»
Videos fürs Sportgericht
Dass die Kameras samt KI an immer mehr Sportplätzen auftauchen, löse kaum Aufschreie aus. Im Leistungsbereich verfüge wohl jeder Verein über mindestens ein solches Gerät, im Amateurbereich steige die Zahl beständig. Zu Systemschulungen haben sich laut Matthias Rudolf rund 70 Vereine angemeldet. «Im Vergleich zu der Menge der Kameras gibt es relativ wenig Anfragen oder Kritik wegen Datenschutz-, Bild- oder Persönlichkeitsrechten», erklärt Baumeister, «und die, die uns vorliegen, stammen aus dem Jugendbereich». Im Kern sei die Rechtslage eindeutig, der wfv kommt auf seiner Website mit sieben FAQs zum Thema aus. Konkrete Vorschriften oder Empfehlungen machen bfv, SBFV und wfv aber nicht, denn die Organisation und vereinsinterne Einrichtung einer KI-Kamera sei keine Aufgabe der Verbände, so Baumeister.
Abgesehen davon, dass die Verantwortlichen in den Systemen sportliche Potenziale sehen, kommt ihnen die Unmenge an Filmmaterial in einem Aspekt klar zugute, wie Baumeister unumwunden zugibt. «Von kritischen Szenen, Ausschreitungen und Ähnlichem bekommen wir nun oft Bilder geliefert, die uns in der Urteilsfindung helfen. Das sind meist starke Beweise.» Anfragen müsse der wfv dabei selten tätigen, vielmehr würden beteiligte Vereine ihre Daten von sich aus anbieten. Bis vor einigen Jahren sei es schwer gewesen, den genauen Ablauf inklusive aller Täter zu ermitteln. Mancher Vorfall – davon ist auszugehen – hat es nie bis zu den Verbänden und ihren Gerichtsbarkeiten geschafft. «Inzwischen sind Handys oder diese Kameras immer mit dabei. So kommt viel mehr ans Licht. Da ist der Fußball ein gesamtgesellschaftliches Spiegelbild», merkt Baumeister an. So erklären er und seine Kollegen es sich auch, dass es kaum Anfragen bezüglich der Rechtslage gebe.
Doch welche Veränderungen bringt die KI? Geht durch so viel Technik nicht etwas vom Charakter des Amateursports verloren? «Man darf das nicht überbewerten», sagt Bauer. Die Systeme seien zwar viel mobiler geworden, aber am zeitlichen Aufwand ändere sich nichts. «Als Trainer muss ich das Material vorbereiten, muss meine Einheiten entsprechend umplanen und habe dennoch die Gewissheit, dass das Angebot nicht alle Spieler nutzen …» Videosysteme seien gute, zusätzliche Tools, so Bauer, «aber sie werden den Geist des Lokalsports sicher nicht zerstören». | Larissa Renz, «Metzinger-Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote»